Ursula Mirouet, Teil I

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Es ist ein besonderes Buch, das man an diesem Tag aufschlägt. Nicht nur handelt es sich dabei um den letzten Band der Szenen aus dem Provinzleben, es wurde auch von keinem Geringeren als Walter Benjamin übersetzt. Was ihn jedoch von allen bisherigen Bänden in diesem an Selbstkasteiung grenzenden Projekt abhebt, ist die Tatsache, dass man ihn nicht allein lesen wird. Wie bereits angekündigt, möchte man den Ton dieses Blogs diverser gestalten und deswegen an wohlplatzierten Stellen auch andere Gehirne zu Wort kommen lassen.
Das erste dieser Gehirne wird das reizende, funkensprühende von Judith Poznan sein. Als alter Hase im Showgeschäft war sie natürlich so klug, das ganze Buch zu lesen und anschließend das Filetstück des Textes für sich zu beanspruchen (S. 100 – 150). In der Zeit ihrer Lektüre hat sie bereits von der ein oder anderen Stelle erzählt. Während man sich selbst noch mit Die Lilie im Tal herumärgerte, oder das famose Junggesellenwirtschaft verschlang, wurde Ursula Mirouet deshalb mehr und mehr von einer schicksalhaften Aura umgeben.
Nun liest man das Buch, das bereits an vielen Stellen angestrichen wurde. Dadurch liest man es nicht allein. Es ist eine merkwürdige Art der Kommunikation, über Bleistiftlinien in einem Balzac-Band miteinander zu sprechen. Dem Meister hätte sie sicher gefallen.

BAND 38: Ursula Mirouet, S. 1 – 49

Man ist ja inzwischen daran gewöhnt, auf den ersten Seiten eines Balzac-Romans von der exzessiven Einführung zahlloser Figuren erschlagen zu werden. Doch so extrem wie bei diesem hat man es bisher nur mit Modeste Mignon erlebt. Die arme Judith, denkt man. Dass der Zufall ihr ausgerechnet dieses Buch zugespielt hat. In kälteres Wasser kann man kaum springen.
Zum Verständnis: Als erstes werden zehn oder zwölf Kleinstädter vorgestellt, die alle auf einen Teil des Erbes von Doktor Minoret hoffen. Da klingeln einem bereits die Ohren. Dann kommt der besagte Doktor mit seinem Ziehkind Ursula. Die Medulla oblongata zuckt vor lauter Konzentration, doch man hofft, dass man nun das Material vor sich hat, mit dem gearbeitet werden soll. Dann kommt der Pfarrer, ein guter Freund des Doktors. Gut, denkt man, darf der Pfarrer eben auch noch mitmischen. Dann gibt es einen Militär, ebenfalls ein Buddy des Doktors. Selbstverständlich werden alle ausführlich beschrieben. Wenn man findet, es reiche nun, schreibt Balzac: „Bald wurde aus dem Trio ein Quartett.“ Auftritt des Friedensrichters.

Es wird schnell klar wird, dass hier ein sympathischer Doktor mit seinem sympathischen Ziehkind unter einer Schar von Erbschleichern leiden wird. Man hat es in der eigenen Familie schon zweimal erleben müssen, wie Geschwister, Eltern und Kinder sich wegen ein paar lausiger Kröten zerfleischten. Mehr Niedertracht geht nicht.
Dass Ursula Mirouet trotzdem nicht zu einer Qual wie Pierrette werden wird, erkennt man bereits am Humor, mit dem der Meister auch die hinterhältigsten Antagonisten schildert. Das wird großes Kino, ein gehässiger Spaß. Und das Beste: Man kann sich mit jemandem darüber austauschen.

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2 Gedanken zu “Ursula Mirouet, Teil I

  1. Pingback: Junggesellenwirtschaft, Teil VIII | CLINT LUKAS

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