BAND 38: Ursula Mirouet, S. 1 – 49
Man ist ja inzwischen daran gewöhnt, auf den ersten Seiten eines Balzac-Romans von der exzessiven Einführung zahlloser Figuren erschlagen zu werden. Doch so extrem wie bei diesem hat man es bisher nur mit Modeste Mignon erlebt. Zum Verständnis: Als erstes werden zehn oder zwölf Kleinstädter vorgestellt, die alle auf einen Teil des Erbes von Doktor Minoret hoffen. Da klingeln einem bereits die Ohren. Dann kommt der besagte Doktor mit seinem Ziehkind Ursula. Die Medulla oblongata zuckt vor lauter Konzentration, doch man hofft, dass man nun das Material vor sich hat, mit dem gearbeitet werden soll. Dann kommt der Pfarrer, ein guter Freund des Doktors. Gut, denkt man, darf der Pfarrer eben auch noch mitmischen. Dann gibt es einen Militär, ebenfalls ein Buddy des Doktors. Selbstverständlich werden alle ausführlich beschrieben. Wenn man findet, es reiche nun, schreibt Balzac: „Bald wurde aus dem Trio ein Quartett.“ Auftritt des Friedensrichters.
Es wird schnell klar, dass hier ein sympathischer Doktor mit seinem sympathischen Ziehkind unter einer Schar von Erbschleichern leiden wird. Man hat es in der eigenen Familie schon zweimal erleben müssen, wie Geschwister, Eltern und Kinder sich wegen ein paar lausiger Kröten zerfleischten. Mehr Niedertracht geht nicht.
Dass Ursula Mirouet trotzdem nicht zu einer Qual wie Pierrette werden wird, erkennt man bereits am Humor, mit dem der Meister auch die hinterhältigsten Antagonisten schildert. Das wird großes Kino, ein gehässiger Spaß.
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