Der Ehekontrakt, Teil II

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Mein Freund aus Wien hat mich gerügt. Mit meinen Tiraden über Père Goriot würde ich Balzac unrecht tun. Die völlig überzogene Darstellung der Vaterliebe wäre kein melodramatischer Fehlgriff, sondern fein kalkulierte Satire. Überdies die Fallstudie eines Wahnsinnigen. In dem Fall wäre also die Schadenfreude, die man beim Untergang des Alten empfindet, durchaus eine gewünschte Reaktion. Balzac hätte es darauf angelegt, den Leser zum Komplizen der gierigen Schwestern Fini und Nasie zu machen.

Das kann ich gut und gerne annehmen und trotzdem zu meiner zickigen Reaktion stehen. Würde ich dem Meister begegnen, mir würde das Wort vor Ehrfurcht im Hals steckenbleiben. Die sanfte Respektlosigkeit, mit der in diesem Blog mitunter hantiert wird, halte ich für das Recht des gewissenhaften Schülers. Immerhin setze ich mich mit dem Werk auseinander. Und ermächtige mich daher zu sagen: Selbst wenn Vater Goriot als Figur ein Scherz ist, muss man sich als Leser durch gute hundert unerfreuliche Seiten quälen. Ist es das wert?
Vor allem diese Manipulation des Rezipienten halte ich für ein zweifelhaftes Stilmittel. Das hat mich schon bei Funny Games gestört, auch so ein Werk, bei dem die Vierte Wand durchbrochen wird. Das finden dann alle total edgy und gesellschaftskritisch. Ich brauche aber keinen Michael Haneke, der mir als gnädiger Mentor die Früchte der Erkenntnis pflückt. Ich pflücke lieber selbst.

Mein Freund und ich haben uns dann darauf geeinigt, dass es wahrscheinlich doch die schöpferische Ungeduld war, die Balzac so mit dem alten Goriot umspringen ließ. Wenn man sich ein ganzes Buch lang mit einer Figur gequält hat, reicht es irgendwann auch, und man entledigt sich ihrer nervtötenden Existenz. Was ja wiederum eine These ist, die schon früher hier geäußert wurde.

BAND 19: Der Ehekontrakt, S. 40 – 121

Durch die Vermittlung seiner Großtante hält Paul um Natalies Hand an, wird aber auch gewarnt, sich im Ehekontrakt nicht übers Ohr hauen zu lassen. Währenddessen zittert seine zukünftige Schwiegermutter, dass während der Verhandlungen die Wahrheit ans Licht kommt: Sie hat fast das gesamte zukünftige Erbe ihrer Tochter verplempert, Natalie würde als Mitgift nur ein paar lausige Kröten, dafür aber die mütterliche Verschwendungssucht mitbringen.
Es kommt zu einem Kräftemessen der jeweiligen Notare, der „Ehe-Condottieri“, die beide das Beste für ihre Klienten raushauen wollen. Dem armen Paul ist das alles zu viel, er würde den Évangélistas aus purer Trägheit sein letztes Hemd schenken. Trotzdem kommt es im Lauf der Verhandlungen zu einem Moment, in dem die Schwiegermutter sich in ihrer Ehre gekränkt fühlt, und schlussfolgert, dass Paul viel klüger ist, als er tut. Sie macht gute Miene zum bösen Spiel, die Ehe wird mit einem rauschenden Fest besiegelt. Doch die Saat der Rache ist ausgebracht: „Solonet [der Notar der Évangélistas] beobachtete diese Zusammenziehung der Muskeln, die leidenschaftlichen Haß verrät, Kampf bis aufs Messer, ohne Frist und ohne Gnade! In diesem Augenblick schwor Frau Évangélista ihrem Schwiegersohn jenen unbarmherzigen, unersättlichen Haß, der nicht in Europa geboren ist, sondern von den Arabern nach Spanien verpflanzt wurde.“

Beste Figur:

Pauls Notar, der alte Mathias: „Seine großen gichtgeschwollenen Füße steckten in Schuhen mit silbernen Schnallen und bildeten einen lächerlichen Abschluß seiner kurzen Beine mit so stark vorspringenden Kniescheiben, daß sie, wenn er sie übereinanderlegte, wie zwei Knochen über dem ,Hier ruht‘ auf einer Grabplatte wirkten.“

Beste Stelle:

Wenn derselbe Mathias mal ganz hemdsärmelig unfeministisch verkündet: „Dieses Mädchen könnte sogar das Goldland Peru verschlingen. Außerdem sitzt sie so fest im Sattel wie ein Zirkusreiter und ist eine halbe Emanzipierte; Mädchen dieser Art sind schlechte Frauen.“

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2 Gedanken zu “Der Ehekontrakt, Teil II

  1. Pingback: Der Ehekontrakt, Teil I | CLINT LUKAS

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