Der Ehekontrakt, Teil I

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Im Bierbrunnen heute Gespräche darüber, dass es auf Berliner Märkten und Straßenfesten keine Marktschreier mehr gibt: „Früher, da kamen die mit’m LKW, aus Holland oda Dänemark oda weeß ick wo, und ham da uffjefahren. Da haste für’n Zehner ’ne Riesentüte voll Wurst jekricht, oder Räucherfisch. Und heute steh’n da nur noch die Pakistanis mit ihren hässlichen Klamotten und Taschen rum. Traurich is dit, richtich traurich.“

BAND 19: Der Ehekontrakt, S. 1 – 39

Nach dem famosen Oberst Chabert folgt direkt der nächste Heuler. Auf den ersten dreißig Seiten kann man so gut wie jede Zeile als zitierfähig anstreichen, es juckt einen in den Fingern, einfach den gesamten Text abzutippen. Hauptfigur ist der etwa zwanzigjährige Paul de Manerville, der durch die Erziehung seines strengen Vaters ebenso eigenwillig, wie konfliktscheu geworden ist: „Um eines Wortes willen hätte er sich ohne weiteres duelliert, aber er zitterte bei der Vorstellung, einen Diener zu entlassen; bei Kämpfen, die einen festen Willen fordern, trat seine Schüchternheit in erschreckender Weise zutage.“

Kaum ist der Vater tot, wagt Paul den Befreiungsschlag, reist jahrelang als Attaché durch Europa, verpulvert einen schönen Teil seines Vermögens, zieht dann wieder nach Bordeaux in sein Schloss. Dort wird ihm bald langweilig, weshalb er heiraten will. Eine Idee, die sein Kumpel Henri de Marsay für besonders schlecht hält: „Die Ehe, mein guter Junge, ist das dümmste soziale Opfer; unsere Kinder allein haben den Nutzen davon, und sie wissen ihn erst zu schätzen, wenn ihre Pferde auf unseren Gräbern grasen.“
Vor allem für den willensschwachen Paul sieht de Marsay schwarz, prophezeit ihm, dass jede Frau auf seiner Nase herumtanzen wird: „Der Junggeselle, auf dessen Erbschaft eine gierige Meute spekuliert, der sich bis zu seinem letzten Atemzuge einer alten Krankenwärterin erwehren muß, die er vergebens um einen kühlenden Tropfen bittet, ist ein Glückspilz im Vergleich mit dem Ehemann.“
Paul wiederum hält ganz richtig dagegen, dass das Dandyleben, das er und de Marsay führen, auch nicht frei macht. Schließlich muss man immerzu nach der Mode gehen, pausenlos neue Klamotten und Kutschen anschaffen, jeder Schritt wird von missgünstigen Nebenbuhlern beäugt. Worauf de Marsay pariert: Nur weil Paul keinen Bock mehr auf die feine Gesellschaft hat, heißt das ja noch lange nicht, dass seine Zukünftige genauso bescheiden sein wird.

Wird sie auch nicht. Der gute Paul sucht sich nämlich ausgerechnet die verwöhnteste Kandidatin von allen aus, die aus kastilischem Hochadel stammende Natalie Évangélista. In ihr sieht der Naive den zartesten Engel, während Balzac kein Geheimnis aus ihrer Veranlagung macht: „Noch ein Kennzeichen sei erwähnt, das einem scharfen Beobachter nicht entgangen wäre, Nataliens reine, verführerische Stimme hatte einen metallischen Klang. Trotz der Anmut, mit der ein goldner Oberton den kupfernen Unterton bedeckte, verrieten sich in der Stimme Eigenschaften des Herzogs von Alba, (…) Aus diesem Anzeichen durfte man auf heftige Leidenschaften ohne Zärtlichkeit schließen, auf ungestüme Hingabe, auf unversöhnlichen Haß, auf Geist ohne Verstand, auf Herrschsucht, die all jenen eignet, die mehr beanspruchen, als ihnen ihrer Art nach gebührt.“
Auch Pauls zukünftige Schwiegermutter ist ein gefährlicher Drachen, sie führt den gleichen Wahlspruch wie Katharina von Medici (Odiate e aspettate – Hasset und wartet). Dazu kommt, dass die Évangélistas längst nicht mehr so reich sind, wie ihr Ruf es verspricht. Doch der Buschfunk in Bordeaux arbeitet zuverlässig, man kennt das noch aus der Schule. Kaum fand man ein Mädchen ein bisschen gut, wurde man vom Rest der Klasse bereits zum Liebespaar erklärt. Da kann man sich nur ins Unvermeidliche fügen, oder schleunigst die Beine in die Hand nehmen.
Mal sehen, wie Paul sich entscheiden wird.

Beste Figur:

Henri de Marsay, der nichts, absolut nichts von konventionellen Lebensmodellen hält: „Ach, wenn ich nicht das Vergnügen auf meine Fahne geschrieben hätte, wenn ich nicht eine tiefe Abneigung gegen all jene empfände, die denken anstatt zu handeln, wenn ich nicht die Narren verachten würde, die an das Leben eines Buches glauben, während der Sand der afrikanischen Wüste aus ich weiß nicht wieviel unbekannten zu Asche gewordenen London, Venedig, Paris und Rom besteht, so würde ich ein Buch über moderne Ehen und den Einfluß des christlichen Systems schreiben; (…) Aber ist die Menschheit auch nur eine Viertelstunde meiner Zeit wert? Außerdem hat Tinte nur einen vernünftigen Zweck: Herzen durch Liebesbriefe in Brand zu stecken.“

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2 Gedanken zu “Der Ehekontrakt, Teil I

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