Vetter Pons, Teil I

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Man hat in diesem Blog bereits mehrfach Freund Stefan aus Wien erwähnt. Es gibt keinen größeren Kunstkenner, niemanden, der in seinem unheimlichen Hirn mehr Wissen über Architektur, Malerei, Geschichte und Literatur horten könnte. Darüber hinaus ist er der einzige Bekannte, der einen guten Teil der Comédie humaine gelesen hat. Man wurde deshalb hellhörig, als man ihn nach dem anstehenden Band Vetter Pons fragte und die Antwort bekam: „Pons hat eine gewisse Ähnlichkeit mit mir selbst. Vielleicht eine Kreuzung aus mir und Kurt.“
Kurt, zur Erklärung, ist ein ebenfalls in Wien ansässiger Sprachlehrer, Feingeist und Junggeselle. Jedes Mal, wenn man bei Stefan für größere Gesellschaften Bankette kocht, freut man sich über Kurts Erscheinen, weil er ein gesegneter Esser ist. Eine Kreuzung dieser beiden Persönlichkeiten stellt man sich ebenso spaßig wie beunruhigend vor. Vor allem ist man aber gespannt, wie Balzac einen Stefan beschreiben würde, denn man selbst hat sich bereits in mehreren Romanprojekten vergeblich darum bemüht, dieses Wunder in all seinen Facetten einzufangen.

BAND 53: Vetter Pons, S. 1 – 52

Silvain Pons war früher mal ein leidlich erfolgreicher Operetten-Komponist, inzwischen ist er nur noch alt und arm. Er arbeitet als Lehrer in verschiedenen Mädchenpensionaten, denn seine Hässlichkeit macht ihn ungefährlich für die lieben Kleinen: „Zeit seines Lebens stieß er ab; sein Vater und seine Mutter hatten ihn im Alter bekommen, und er trug das Kainszeichen dieser unnormalen Geburt auf sich in Gestalt seiner kadaverhaften Farbe, die in einem jener Spiritusgläser erworben zu sein schien, in denen die Wissenschaft gewisse außerordentliche Föten aufbewahrt.“
Sein einziger Trost ist seine Sammelleidenschaft und der dadurch entstandene Schatz an Kunstwerken, den er sein eigen nennt. Den würde er nicht mal gegen das Genie eines Rossini eintauschen. Zusammen mit dem ebenso schrulligen Musiklehrer Schmucke wohnt er in einer WG. Es könnte also alles schön sein, wenn da nicht ein fatales Laster wäre: Vetter Pons schmaust für sein Leben gern. Und da er selbst zu arm ist, in feinen Restaurants zu dinieren, muss er sich von seinem Bekanntenkreis bürgerlicher Parvenüs zum Essen einladen lassen.

Diesem Kreis von Unsympathen stehen die Camusots vor. Man erinnert sich: Der vertrottelte Untersuchungsrichter, der Lucien de Rubempré durch seine Dummheit in den Selbstmord trieb, sowie seine maßlos ehrgeizige Frau (Glanz und Elend der Kurtisanen). Letztere demütigt den armen Pons fortwährend, da hilft es nichts, dass er ihr einen kostbaren Fächer der Madame Pompadour schenkt. Ganz einfach, weil sie keine Ahnung hat, wie kostbar er ist.
Der geduldige Pons breitet sein reizendes Wissen vor ihr aus, doch genauso gut könnte er mit einer Backsteinmauer sprechen: „Mutter und Tochter sahen sich an, als wenn Pons chinesisch gesprochen hätte, denn man kann sich nicht vorstellen, wie unwissend und ablehnend die Pariser sind; sie wissen nur das, was man sie lehrt, wenn sie es lernen wollen.“
Oh doch, das kann man sich sehr gut vorstellen, denn die Berliner sind ganz genauso. Alles außerhalb ihrer Stadtgrenze heißt entweder Brandenburg oder Westdeutschland, und auch sonst hocken sie in ihrer Großstadtselbstherrlichkeit wie die Maden im Speck.

Beste Stellen:

Balzacs unbarmherzig hingeworfenes Bild, das jeder von uns eines Tages ausfüllen wird:
Bald konnte man die Kälte feststellen, die ein Greis um sich verbreitet. Sie ist ein Eishauch, der sich mitteilt und seine Wirkung auf die moralische Temperatur nicht verfehlt, zumal wenn der Greis häßlich und arm ist. Heißt das nicht dreimal alt sein?“

Die Beschreibung der WG von Schmucke und Pons: „Seit der Vereinigung der beiden Greise hatten ihre Beschäftigungen, die sich sowieso ähnelten, jenen brüderlichen Trottelgang angenommen, der in Paris den Fiakerpferden eigentümlich ist.“

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2 Gedanken zu “Vetter Pons, Teil I

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