Oberst Chabert, Teil I

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BAND 18: Oberst Chabert, S. 1 – 52

Schon nach den ersten zwei Seiten wird deutlich, dass man sich auf einem völlig anderen Niveau befindet, als bei der Lektüre von Die Grenadière. Dabei wurden die beiden Bände im gleichen Jahr geschrieben, es kann also kein Quantensprung im Stil des Meisters stattgefunden haben. Oder doch? Bei der Schilderung des Schicksals der Lady Brandon drückt Balzac jedenfalls dermaßen auf die Tränendrüse, dass es vielleicht einen Kitschonkel wie R.W. Fassbinder dazu gebracht hätte, in die feisten Händchen zu klatschen. Als Freund der flotten, nüchternen Zeile, mit der der Meister sonst zu glänzen weiß, nagt man aber am Hungertuch.

Umso dankbarer stürzt man sich ins Geschehen von Oberst Chabert, dessen namengebender Protagonist gleich zu Beginn in die berüchtigte Schreibstube der Kanzlei Derville gerät: „Wenn freilich die feuchten, dunklen Sakristeien, wo die Gebete wie Pfeffer oder Zucker zugewogen und nach Gewicht bezahlt werden, nicht auf der Welt wären und ebensowenig die Magazine der Trödler, wo Lumpen und Fetzen sich umhertreiben als die Symbole der Erbärmlichkeit alles Lebens im allgemeinen und unserer Illusionen im besonderen – wenn diese zwei Schmutzwinkel der Poesie nicht geschaffen wären, dann bliebe die Schreibstube eines Anwalts das scheußlichste aller Gemächer, wo Menschen zusammenkommen.“
Auf den Wunsch des alten, zerlumpten Militär, ihren Chef zu sprechen, reagieren die Schreiber mit Spott, vor allem weil sie wissen, dass der berühmte Oberst Chabert vor vielen Jahren in der Schlacht bei Eylau gefallen ist.

Erst als der vermeintliche Scharlatan spätnachts nochmal in die Kanzlei kommt, trifft er Derville an und enthüllt ihm die Geschichte seiner Odyssee. Denn er ist wirklich der besagte Oberst, der 1807 bei der schlachtentscheidenden Attacke verletzt und – für tot befunden – in einem Massengrab verscharrt wurde. Besonders abenteuerlich dabei die Flucht aus dieser Grube voller Leichenteile: „In aller Hast fahre ich mit meinen Händen um mich und finde zum Glück einen abgehauenen Arm, einen Heraklesarm, eine riesige Gliedmaße, der ich mein Dasein verdanke. (…) Weiß ich, wie ich’s fertigbrachte, die Schicht aus Menschenfleisch zu durchbrechen, die zwischen mir und der Oberwelt lag? Sie werden sagen, drei Arme sind etwas. Und diesem Hebel aus Fleisch und Blut, den ich mit allem Raffinement handhabte, verdankte ich immer etwas Luft, die zwischen den Kadavern angesammelt war.“
Er wird schließlich von preußischen Bauern gefunden und gepflegt, irrt daraufhin jahrelang völlig mittellos durch Deutschland. Aufenthalte in Knast und Irrenhäusern. Derville ist der erste Mensch, der ihn nicht für verrückt hält. Und der ihm helfen will. Immerhin ist der Wiederauferstandene ein „Graf des Kaiserreichs, Inhaber des Großkreuzes der Ehrenlegion“.

Doch wo in der Grenadière nun ein Feuerwerk der Gefühle entbrennen würde, offenbart Balzac, warum er die Handlung in einer Anwaltskanzlei spielen lässt. Denn Derville macht nun deutlich, wie schwer es werden wird, die Rechte des Obersten gegen die langsam mahlenden Mühlen der Justiz durchzusetzen. Und vor allem gegen dessen Witwe, die sein Vermögen geerbt hat, neu verheiratet ist, und deshalb das größte Interesse hegt, dass der Tote weiterhin tot bleibt. Balzac entfaltet dabei seine ganze sarkastische Expertise. Er muss ja wissen, wovon er spricht, nachdem er von seinen Gläubigern jahrelang von Prozess zu Prozess gehetzt wurde.
Die Lektüre endet bei der Hälfte der Erzählung, an dem Punkt, an dem Derville einen Vergleich vorschlägt. Man ist gespannt auf das weitere Schicksal des Obersten. Und erfreut darüber, wie selbstverständlich in der Comédie humaine Groschenromane neben Meisterwerken stehen.

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2 Gedanken zu “Oberst Chabert, Teil I

  1. Pingback: Die Grenadière | CLINT LUKAS

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