Vater Goriot, Teil VI

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Besuch beim arabischen Friseur. Wie immer läuft der Fernsehsender, auf dem zu Bildern von im Wind schaukelnden Blumen Koranverse gesungen werden. Wenn man die Sprache ausblendet, ist es der gleiche weinerliche Singsang, den man bei katholischen Messen über sich ergehen lassen muss. Radio Stephansdom überträgt jeden Sonntag das Gewimmer von Kardinal Schönborn. Ob es in einem deutschen Friseursalon irritieren würde, die Kundschaft mit den kessesten Psalmen der Woche zu beschallen? Wort des lebenden Gottes.
Heute auch wieder von dem Reinlichen bedient worden, der nach jedem Rasierstrich den Rasierer, die rasierte Stelle, sowie seinen eigenen Arm sauber pinselt. Statt fünf Minuten dauert ein Haarschnitt bei ihm mitunter eine halbe Stunde, vor allem, wenn er zusätzlich abgelenkt wird. Diese Brudis plaudern ja wie die Waschweiber.
Wir waren gerade erst bei meinen Koteletten (der Reinliche arbeitet von unten nach oben), da kam ein aufgelöster Herr mit Smartphone herein und legte los. Es schien sich um eine dringende Angelegenheit zu handeln, die mangels Arabischkenntnissen leider nicht zu ergründen war. Nur ein einziges Wort auf Deutsch stach heraus: Handyvertrag. Ich konnte nicht anders, als das Gespräch im Geiste zu rekonstruieren, Zeit genug hatte ich ja.

Kunde: Salam aleikum
Friseur: Aleikum salam, Bruder.
K: Nihal ist wohl gar nicht da, oder?
F: Nein, mein Freund. Nihal ist nicht da.
K: Weil der hat nämlich auch Vodafone, weißt du?
F: Ach, wirklich? Tamam.
K: Ja, der hat Vodafone und ich auch und mein Handyvertrag ist gestern ausgelaufen.
F: Ah, ist ausgelaufen, ja?
K: Ja, ich hatte 2-Jahresvertrag, aber ich dachte, zwei Jahre sind noch nicht um. Aber dann hab ich auf den Kalender geschaut und habe gesehen, dass wirklich schon zwei Jahre um sind.
F: Die Zeit rennt.
K: Ja, stimmt, walla. Da hast du was Wahres gesagt. Die Zeit rennt wirklich. Zwei Jahre einfach vorbei.
F: Musst du halt einen neuen Vertrag machen, mein Freund.
K: Ja, mach ich auch. Aber Nihal ist nicht da oder?
F: Nein, Bruder, Nihal ist nicht da.

BAND 14: Vater Goriot, S. 239 – 305

Rastignac erwacht erst gegen elf aus seinem Rausch und muss feststellen, dass der Drops mit dem Duell längst gelutscht ist. Victorines Bruder liegt im Sterben, sie wird bald Millionärin sein. Die alte Michonneau gießt derweil ein Betäubungsmittel in Vautrins Milchkännchen, woraufhin dieser bewusstlos wird. Die Untersuchung bestätigt, dass er tatsächlich der legendäre Todtäuscher ist. Kaum wach geworden, wird er von Soldaten und Geheimpolizei umstellt. Natürlich verliert er auch bei der Verhaftung nicht seinen Schneid, sondern entlarvt zuerst die Michonneau als Verräterin und erklärt dann dem verhassten System den Krieg: „Genug, ich stehe allein gegen die Regierung mit all ihren Gerichtshöfen, Gendarmen, Protokollen, und ich schmeiße sie alle um.“
Nachdem er abgeführt wurde, kommt es zu einer Situation, die in Deutschland wohl nicht so stattfinden würde. Man sympathisiert mit Vautrin und fordert kollektiv, dass die Denunziantin sofort die Pension verlässt. Poiret folgt ihr wie ein Hund, Victorine zieht zu ihrem Millionärsvater, Rastignac und Goriot fahren in ihr neues Apartment – Mama Vauquers Haus ist auf einen Schlag leergefegt.

Bei Delphine kommt es wieder zu unheimlichen Liebesausbrüchen à la Goriot. Langsam begreift man, warum die Töchter nichts mit ihm zu tun haben wollen: „Während des ganzen Abends wurden nur Kindereien gemacht, und Vater Goriot war wohl der Unvernünftigste unter den dreien. Er legte sich vor seine Tochter auf die Erde, küßte ihr die Füße, sah ihr lange in die Augen und rieb seinen Kopf gegen ihr Kleid. Der jüngste und zärtlichste Liebhaber hätte nichts Zärtlicheres ersinnen können.“
Rastignac wird eifersüchtig, langsam dämmert ihm auch, dass der Alte ihnen pausenlos auf der Pelle hocken wird. Trotzdem erfüllt er sein Versprechen und besorgt seiner Geliebten die ersehnte Einladung in den Salon der Gräfin von Beauséant.

Bisher kam der Roman mit einem angenehmen Minimum an Melodramatik aus, wenn man von Goriots fanatischer Vaterliebe absieht. Doch kurz vor Schluss kommt die geballte Ladung. Delphine berichtet von ihrer schwierigen Ehe mit Nucingen, was bei ihrem Vater schon eine mittelschwere Schnappatmung hervorruft. Als dann auch noch Anastasie auftaucht und gesteht, dass sie die Restaud’schen Familiendiamanten versetzt hat (siehe Gobseck), kommt Nervenfieber hinzu. Ein Streit der Töchter führt schließlich zum Schlaganfall, die Dialoge werden immer theatralischer: „Ich bin am Ende, ich bin nicht mehr Vater, nein. Sie bittet mich, sie ist in Not, und ich elender Kerl, ich habe gar nichts. Du hast dir eine Leibrente gesichert, alter Spitzbube, und hast doch Töchter! Aber das ist deine Liebe! Stirb wie ein elender Hund, der du bist! Ja, ich bin weniger als ein Hund, ein Hund würde sich anders benehmen! O mein Kopf, mein armer Kopf!“
Dostojewski hätte es nicht schlimmer schreiben können. Man wünscht sich einen schnellen Gnadenschuss für den Alten, doch leider sieht es so aus, als würde der Todeskampf auch noch die letzten fünfzig Seiten in Anspruch nehmen. Die Sympathie für die herzlosen Töchter wächst.

Beste Stelle:

Wenn Mama Vauquer verzweifelt dasitzt, „wie Marius auf den Trümmern von Carthago“, und wegen ihrer ausgeflogenen Gäste den Untergang kommen sieht: „Denn, siehst du, wir haben Ludwig XVI. auf dem Schafott gesehen, wir haben den Sturz des Kaisers erlebt, wir sahen ihn wiederkommen und noch tiefer fallen, all das spielte sich innerhalb der gegebenen Ordnung ab. Aber eine bürgerliche Pension ist gegen solche Unfälle gesichert: auf den König kann man verzichten, aber essen muß man und noch dazu, wenn eine ehrliche Frau so vorzügliches Essen auf den Tisch bringt, es sei denn, daß das Ende der Welt gekommen ist… Aber da haben wir’s, es ist das Ende der Welt.“

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2 Gedanken zu “Vater Goriot, Teil VI

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