Vater Goriot, Teil V

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Ich habe mich schon oft prostituiert. Habe meinen Stil so angepasst, wie Zeitschriften und Magazine es von mir verlangten. Auch für die Bühne habe ich mich schon einkaufen lassen, von komischen Kulturzentren, die mich als knuffige Showeinlage für ihren Rentnerfasching wünschten.
Am zweifelhaftesten war bisher die Anfrage einer Westberliner Zahnärztin, bei der Geburtstagsfeier ihres 18jährigen Sohnes aufzutreten. Da stand auf jeden Fall die Frage im Raum, wie weit man sinken kann und will. Um die Rolle des literarischen Callboys vollumfänglich zu erfüllen, verlangte ich eine unverschämte Fantasiegage, die von der Zahnärztin ohne Murren akzeptiert wurde. Und das Verrückte: Der Abend war richtig nett. Zu keinem Zeitpunkt ließ man mich meinen Dienstbotenstatus spüren, die Jugendlichen waren dankbar und gutgelaunt, der Hausherr leerte mit mir eineinhalb Flaschen seines teuersten Whiskeys.

Trotzdem ist es im Vorfeld immer ein unheimliches Gefühl, als Künstler engagiert zu werden. Dabei wünscht man sich doch genau das. Gefragt zu sein und bezahlt zu werden. Doch wenn sich das erste Geschmeicheltsein legt, wird einem klar, dass man nichts anderes als seine Freiheit verkauft hat. Wie ich nun für die nächsten vier Monate. Meine gerade erschienene Biographie über den tollen Wirt Roland Albrecht hat bei einem anderen Menschen den Wunsch geweckt, dass ich auch dessen Biographie schreibe.
Nun sehe ich eine Karriere als Ghostwriter bekannter Berliner Persönlichkeiten vor mir. Was ja nicht das schlechteste wäre. Hat Mozart etwa gejammert, wenn er für den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel ein Konzert für Tuba und Harfe schreiben musste? Nein, er hat sich auf seinen Arsch gesetzt und es durchgezogen.

BAND 14: Vater Goriot, S. 192 – 238

Rastignac sitzt in der Tinte. Durch die ständigen Besuche bei seinen Aristo-Freunden ist er verschuldet, dabei aber seinem eigentlichen Ziel noch kein Stück näher gekommen. Delphine tut zwar vor aller Welt so, als wäre sie seine Geliebte, denkt aber nicht daran, ihn mal ranzulassen. Da nämlich ihr letzter Lover de Marsay so grausam mit ihr umgesprungen ist, will sie es nun langsamer angehen lassen. „Kurz, Delphine spielte mit Rastignac und gefiel sich darin, mit ihm zu spielen, wahrscheinlich weil sie sich geliebt fühlte und wußte, daß sie den Schmerzen ihres Freundes ein Ende bereiten konnte, falls es ihrer königlichen Frauenlaune so gefiel.“
Wer hätte es noch nicht erlebt, dass die neuen guten Vorsätze an einem ausgelebt werden, nur weil die Angebetete sich zuvor in die Nesseln gesetzt hat.

Vautrins Plan, die junge Victorine Taillefer zu heiraten, gewinnt jedenfalls an Attraktivität. Diese junge Mitbewohnerin der Pension Vauquer besitzt zwar noch keinen roten Heller, doch ihr Vater ist sagenhaft reich. Sobald Rastignac sie um den Finger gewickelt hat (was nicht schwer fallen sollte, weil sie schon längst in ihn verknallt ist), wird Vautrin sich um das Ableben ihres großen Bruders kümmern und sie somit zur Alleinerbin machen.
Derweil planen auch zwei andere Pensionäre einen Coup: Der alte Poiret und Frau Michonneau treffen sich mit einem Geheimpolizisten, der glaubt, dass es sich bei Vautrin in Wirklichkeit um Jaques Collin, genannt „Todtäuscher“, handelt, den König der Unterwelt. Er „genießt das Vertrauen der Sträflinge der drei Bagnos, die ihn zu ihrem Agenten und Bankier erwählt haben. (…) Todtäuscher kassiert gewaltige Summen ein, es sind nicht nur jene, die einige seiner Kameraden besitzen, sondern auch die Gelder der Gesellschaft der Zehntausend, (…) eine Vereinigung von Dieben, die im großen Stil arbeiten und sich nur um Dinge kümmern, bei denen mindestens zehntausend Franken zu verdienen sind.“
Da diese Identität jedoch nicht eindeutig feststeht, sollen Poiret und Michonneau ihn betäuben und dann durch Schläge auf seine Schulter feststellen, ob er die Brandmale eines Bagno-Sträflings trägt.

Nachdem Delphine besonders ätzend zu Rastignac gewesen ist, wirft er seine Skrupel über Bord und macht sich an die kleine Victorine heran. Todtäuscher alias Jaques Collin alias Vautrin leitet derweil ein fingiertes Duell in die Wege, bei der ihr Bruder das Zeitliche segnen soll.
Doch plötzlich taucht Vater Goriot in Rastignacs Zimmer auf und eröffnet ihm, dass Delphine nur deshalb so abweisend war, weil sie eine Wohnung für ihn eingerichtet hat, in der sie ihrer Liebe huldigen können. Bezahlt hat sie der gute Papa, dessen einzige Bedingung wieder etwas creepy daher kommt: Er will eine kleine Kammer über der Wohnung beziehen und täglich haarklein berichtet kriegen, was Rastignac mit seiner Tochter getrieben hat.
Dieses betörende Angebot kann der junge Dandy natürlich nicht ausschlagen. Er bittet den Alten darum, Victorines Bruder zu warnen, damit dieser nicht bei dem Duell stirbt.

Während man sich noch ärgert, dass Rastignac zum zweiten Mal die Hilfe des sympathischen Todtäuschers ausschlägt, steht dieser im Türrahmen und lädt die beiden zu einem Umtrunk ein. Die ganze Besatzung der Pension trinkt mit, zwei Flaschen Champagner und acht Flaschen Bordeaux gehen über den Jordan. Als Rastignac merkt, dass Vater Goriot neben ihm schnarcht und er auch selbst schläfrig wird, dämmert ihm, dass er seinen Meister gefunden hat. Kurz vorm technischen K.O. flüstert Vautrin ihm ins Ohr: „Mein lieber Junge, dem Kampf mit Papa Vautrin sind wir noch lange nicht gewachsen. Er liebt Sie zu sehr, um Ihre Dummheiten nicht zu vereiteln. Wenn ich etwas beschlossen habe, so kann sich mir höchstens der liebe Gott in den Weg stellen! Nicht wahr, wir wollten Vater Taillefer benachrichtigen und richtige Schülereseleien machen! Der Ofen ist warm, der Teig geknetet, das Brot auf der Schaufel, morgen wollen wir hineinbeißen, daß es kracht“.

Beste Stelle:

Wenn Vautrin, nachdem er Rastignac kaltgestellt hat, die alte Mama Vauquer ins Theater ausführt und nach Ganovenart mit ihr schäkert: „,Hier ist Mama Vauquer, schön wie ein Stern, eingeschnürt wie eine Mohrrübe. Ersticken wir nicht ein bißchen?‘, fragte er und legte die Hand auf das Planchett, ,die Brüste sind eng zusammengepreßt, Mamachen. Wenn wir weinen, kommt‘s zu einer Explosion, aber ich will die Trümmer mit der Sorgfalt eines Antiquars auflesen.‘“

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2 Gedanken zu “Vater Goriot, Teil V

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