Gobseck, Teil I

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Der fleißige Schriftsteller in seinem stillen Kämmerlein wird ja noch immer als romantisches Bild empfunden. Dabei ist so ein Leben meistens trist bis idiotisch. Wenn man das Glück hat, von Verlegern und Lesern hofiert zu werden, kann man diese Tatsache vielleicht verdrängen. Aber im Grunde sind Schriftsteller Witzfiguren, ewige Nerds, Schnüffler im Gestern.
Wenn die Weltgeschichte einen Sprung macht, wenn sie innerhalb weniger Stunden Grenzen verschiebt und Realitäten verändert, fühlt es sich lächerlich an, auf dem Sofa zu sitzen und einen Balzac-Blog zu schreiben. Das Leben fährt einem wieder mal vor der Nase weg wie eine S-Bahn, man kann nur dastehen und blöd hinterher schauen. Gefühle von Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht sind nicht von der Hand zu weisen.
Was hilft da? Soll man sich einfach weiter an den eigenen Grundsätzen festkrallen, den Instinkten vertrauen, wie die Tiere im Waldbrand? Falls ja, hält man sich am besten an den seligen Wolfgang Herrndorf, der nicht mit Krieg kämpfen musste, sondern mit einem tödlichen Hirntumor: Arbeit hilft. Arbeit und Struktur.

BAND 9, Gobseck – S. 1 – 24

Heute nur 24 Seiten gelesen, weil so gehaltvoll und gespenstisch tagesaktuell. Es geht um den Wucherer Gobseck, heute würde man vermutlich Kredithai sagen. Balzac entfaltet sein Schachtelsystem, tischt uns eine Geschichte in der Geschichte auf.
Winterabend 1829, im Salon der Gräfin Grandlieu. Außer ihr sind nur noch ihr Bruder, ihre Tochter Camille und der Familienanwalt Derville anwesend. Alle lauschen dem Abfahren einer Kutsche, die sich gerade aus dem Hof entfernt. Darin befindlich: Ernest de Restaud, der Schwarm der jungen Camille. Den sie aber nicht heiraten soll, weil seine Frau Mama so eine Verschwenderin ist: „so lange diese Mutter lebt, werden alle Familien davor zittern, dem jungen Restaud Zukunft und Vermögen eines jungen Mädchens anzuvertrauen“. An dieser Stelle schaltet sich der Anwalt Derville ein und verspricht, eine Anekdote zum besten zu geben, die Licht ins Dunkel der Vermögensverhältnisse der Restauds bringen soll. Im Zentrum dieser Anekdote: Gobseck.

Vielleicht kann man hier ein Ratespiel einfügen. Ich stelle einige Zitate zur Verfügung und man muss raten, an wen mich der Wucherer erinnert. Je früher man es errät, desto mehr Punkte kriegt man, sagen wir, 5 Millionen Punkte pro Zitat. Die können im Anschluss 1:1 gegen russische Staatsanleihen getauscht werden.

EINS: „Stellen Sie sich ein bleiches, fahles Gesicht vor, glattes, sorgsam gebürstetes, aschgraues Haar, Gesichtszüge, unbeweglich wie die Talleyrands, in Bronze gegossen. Die kleinen Augen, gelb wie die eines Spürhundes, hatten fast keine Wimpern und scheuten das Licht“.
ZWEI: „Wenn man eine Kellerassel berührt, während sie über ein Stück Papier läuft, so hält sie an und stellt sich tot. Ganz in der Art unterbrach dieser Mensch sich mitten in seiner Rede, wenn ein Wagen vorüberfuhr – um seine Stimme nicht anzustrengen.“
DREI: „Manchmal schrien seine Opfer sehr und gerieten in Aufregung, kurz darauf war es wieder ganz still wie in einer Küche, wo man einer Ente den Hals umgedreht hat.“
VIER: „Wenn Menschlichkeit und Geselligkeit eine Religion sind, so konnte er für einen Atheisten gelten.

Vielleicht ist das noch zu schwierig, vielleicht muss man den Rätselhaften selbst sprechen lassen.

EINS: „Sie sind jung, (…) Sie sehen Frauengestalten in Ihrem Kaminfeuer, ich sehe nur Kohle in meinem. Sie glauben an alles, ich an nichts. (…) Ob Sie reisen oder am Ofen und bei Ihrer Frau hocken – es kommt immer ein Alter, wo das Leben nur noch eine Gewohnheit ist. Das Glück besteht dann in der Anwendung unserer Fähigkeiten auf die Wirklichkeit [sic].
ZWEI: „Was die Sitten betrifft, so ist der Mensch überall der gleiche; überall gibt es Kampf zwischen arm und reich, er ist unvermeidlich – es ist also besser, auszubeuten, als ausgebeutet zu werden; überall gibt es Muskelmenschen, die arbeiten, und dünnblütige Leute, die sich abängstigen.“
DREI: „Was würde die Gräfin [Europa] nicht alles anstellen um tausend Franken [Frieden]! Sie würde eine zärtliche Miene aufsetzen, würde zu mir sprechen mit einer Stimme, deren schmeichelnder Klang mich berücken sollte, sie würde mich überschütten mit liebkosenden Worten, mich anflehen, und ich…‘ In dem Augenblick warf der Greis mir einen kalten Blick zu. ,…ich würde unerschütterlich bleiben!‘ “

Bei einer fiktiven Figur, ja selbst bei einer historischen, kann eine solche Kaltblütigkeit faszinieren. Beobachtet man sie jedoch bei einem Zeitzeugen, verursacht das Unbehagen. Und man beginnt zu begreifen, dass es keine Rolle spielt, wie sehr man sich den Kopf zerbricht. Darüber, warum es Krieg gibt. Über das Versagen der Friedenswächer, die Motive der Kriegstreiber. Am Ende geht es um gelassene, sture Pragmatiker, die ihr Ding durchziehen, ohne sich um Moral zu scheren.
Und um die Menschen, die das ausbaden müssen.

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2 Gedanken zu “Gobseck, Teil I

  1. Pingback: Der Diamant | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Gobseck, Teil II | CLINT LUKAS

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