Die Börse

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BAND 4: Die Börse

Heute eine sehr kurze Erzählung, bevor morgen der nächste Roman beginnt. Es geht um Hippolyte Schinner, einen jungen Maler, der schon mit 25 das Kreuz der Ehrenlegion trägt, von seinen Kollegen als Meister anerkannt wird, und dessen Bilder „nach ihrem Gewichte in Gold“ bezahlt werden. Eines Abends steht er auf einer Leiter und sinniert über den Zauber der Dämmerung. Das tut er so intensiv, dass er stürzt und bewusstlos wird. Als er wieder zu sich kommt, beugen sich zwei Frauen über ihn, eine alte und eine junge, hübsche, mit dem üblichen „frischen Teint der Schläfen“, den „regelmäßigen Augenbrauen“, etc.

Die beiden sind verarmte Adelige, die in der Wohnung unter ihm wohnen. Er und die schöne Adeleide von Rouville verfallen einander. „Nie war eine Liebe reiner und heißer.“ Moooment mal, da würden Louise de Chaulieu und die anderen überkandidelten Weibsbilder, die uns bisher in der „Comédie“ begegnet sind, aber lautstark widersprechen.
Jedenfalls läuft alles auf baldige Hochzeit hinaus, bis der gute Maler seine Börse bei den Damen vergisst. Darin befinden sich immerhin fünfzehn Louisdor. Auf seine Nachfrage streiten die beiden ab, die Börse gefunden zu haben. Hippolyte stürzt in Schwindsucht und Verzweiflung, weil er sich von Diebinnen betrogen fühlt. Dann kommt heraus, dass Adeleide die Börse nur gemopst hat, um sie heimlich mit Goldperlen und anderem Klimbim zu besticken. Die Hochzeit kann stattfinden.

Das einzig wirklich Erwähnenswerte an dieser Stelle ist das erneute Auftauchen des Grafen de Kergarouet, zur Erinnerung: der lustige Vizeadmiral aus „Der Ball von Sceaux“, der bürgerliche Kretins niederreitet und seine sexy Nichte geheiratet hat. In den bisherigen Bänden sind schon einige Namen mehrfach gefallen, zum Beispiel der der Marquise d‘Espard, oder von Henri de Marsay, einem noch unbekannten Dandy, der uns aber bestimmt bald als handelnde Person begegnen wird.
Man ist gespannt, in welchen Geschichten die verschiedenen Figuren noch auftauchen werden. Jedenfalls zeigt sich nun der Zusammenhang der „Comédie humaine“ als riesiger Kosmos, auf dessen Bewohner der gottgleiche Regisseur Balzac nach Belieben seine Scheinwerfer richtet.

Beste Stelle: Wenn der bewusstlose Maler mit einem in Äther getränkten Taschentuch aus seiner Betäubung geweckt wird. Chloroform und Valium waren wohl gerade aus.

Beste Figur: Der alte Vizeadmiral Graf de Kergarouet, über den gesagt wird: „Seine Bewegungen, seine Haltung, seine Manieren zeigten deutlich, daß er weder auf seine royalistische Gesinnung, noch auf seine Religion, noch auf seine Liebesabenteuer verzichten würde.“ Ein echter Teufelskerl.

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2 Gedanken zu “Die Börse

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