Zwei Frauen, Teil V

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Demnächst wird man für ein paar Tage nach Paris fliegen. Airbnb-Unterkunft in der Avenue Bosquet im Faubourg Saint-Germain, wo früher der Hochadel gewohnt hat. Beziehungsweise das Personal des Hochadels, denn man wird in einer Dachkammer im 6. Stock hausen. Die Duchesse de Maufrigneuse hat sicher ein paar Etagen tiefer logiert. Gleich um die Ecke liegt das „Maison de Balzac“, wo der Meister seine Geheimwohnung hatte, in der er sich vor den Gläubigern versteckte. Die Vorfreude ist groß, und während man diese Zeilen schreibt, läuft im Bierbrunnen der Refrain:

Er schenkte mir den Eiffelturm
Und ganz Paris dazu
Ich war verliebt wie nie zuvor
Auch wenn ich nie ganz mein Herz verlor.

Der 80jährige Klausi hat es aufgelegt, um einen zu erfreuen. Bei einem dünnwandigen Glas Jubi, selbstverständlich mit Pils-Rosette, macht man sich an die letzten Seiten von Zwei Frauen. Aus der Musikbox nun Peter Alexander: „Dort in der Kneipe in unsrer Straße, da fragt dich keiner, wasde hast oder bist.“

BAND 3: Zwei Frauen, S. 160 – 320

Die plötzliche Ehe mit dem jungen Künstler steht unter dunklen Vorzeichen. Louise scheint zu ahnen, dass es mit ihr kein gutes Ende nehmen wird: „Dieser geheime Vorbehalt verleiht meiner Hochzeit eine fast schreckliche Feierlichkeit: ich will auch keine Zeugen, die mich kennen, die Hochzeit soll in aller Stille abgehalten werden. (…) ich allein will wissen, daß ich mit diesem zweiten Ehekontrakt mein Todesurteil unterschrieben habe.“
Woher diese Ahnungen kommen, versteht man als Leser nicht so richtig. Aber der neue, dichtende Gatte ist ja auch einfach so aus der Torte gesprungen, ohne weiteren Kommentar. Louise war doch so elitär in ihrem Adelsstolz, wieso liebt sie nun einen Bürgerlichen? Wo die Schwankungen ihres Herzens bisher gut nachvollziehbar waren, spürt man hier das Brecheisen des Autors, der seinen Plot zu Ende bringen will.

Dieser erzählerischen Inkonsequenz zum Trotz beschreibt Louise erstmal über fünf Seiten das Chalet, das sie als Rückzugsort für sich und ihren Geliebten einrichten ließ, in „der bewundernswerten Einfachheit, weißt Du, die hunderttausend Franken kostet.“ Trotz Rembrandt, Rubens und Tizian an den Wänden fürchtet sie, Gaston nicht zufrieden zu stellen. Auch Renée warnt unverdrossen weiter: „Du willst nach allem Unglück, das Dir aus einer gemeinsamen Leidenschaft erwuchs, Dich mit dem zweiten Gatten in die Einsamkeit zurückziehen? Nachdem Du im lauten Getriebe der Welt den ersten getötet hast, ziehst Du Dich zurück, um den zweiten zu verschlingen? Welch neue Leiden bereitest Du Dir?“
Sie behält Recht. Louise steigert sich zunehmend in eine (unbegründete) Eifersucht hinein. Schließlich sieht sie keinen anderen Ausweg, als sich absichtlich eine Lungenentzündung einzufangen. Sie stirbt, mit dreißig Jahren, in der Blüte ihrer Schönheit, wie sie es immer wollte.

Und die Moral von der Geschichte? Die bescheidene, häusliche Renée gewinnt das Duell der Lebensentwürfe. Bei ihr läuft alles wie am Schnürchen. Ihre Kinder sind ein Ausbund der Freude, ihr Mann wird Pair von Frankreich. Entsprechend langweilig sind unterm Strich dann auch ihre Berichte. Man muss schon unglücklich sein, um was zu erzählen zu haben.
So wie Louise. Sie zeigt einem, dass Wollust und Leidenschaft auf Dauer nichts in der Ehe zu suchen haben, sondern zum Untergang führen. Warum genau das so sein soll, versteht man zwar nicht so genau. Aber für die heutige Zeit, in der Beziehungen wieder endlos romantisch und feurig zu sein haben, ist das ein sehr erfrischender Ansatz.

Beste Stellen:

Wenn Louise sich über das teure Paris beschwert, „wo ein schöner Pfirsich schon die Zinsen von hundert Franken verschlingt“.

Wenn der Herzog von Chaulieu gegen das Volk wettert und das Schicksal des 20. Jahrhunderts voraussagt: „Es ist schwach, wenn es sich aus unsolidarischen Einzelwesen zusammensetzt, denen es nicht darauf ankommt, einem einzigen oder sieben Menschen, einem Russen oder einem Korsen zu gehorchen, wenn nur jeder seinen eigenen Platz behalten darf, und die Unseligen sehen nicht ein, daß man ihnen diesen eines Tages umso sicherer wegnehmen wird. Wir steuern im Fall eines Mißerfolgs auf ein Jahrhundert der Greuel zu.“

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2 Gedanken zu “Zwei Frauen, Teil V

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