Die Marana, Teil I

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BAND 81: Die Marana, S. 1 – 43

Nachdem man tagelang das grässliche Buch der Mystik über sich ergehen lassen musste, kommt endlich wieder eine vielversprechende Erzählung, die während Napoleons Krieg in Spanien spielt. Tarragona wurde gerade eingenommen, die Franzosen stürmen die Stadt zur Plünderung. Zwei ihrer Offiziere tun sich dabei besonders hervor: der Quartiermeister Diard, der es in erster Linie auf Madonnen und Bilder abgesehen hat, sowie sein gutaussehender, italienischer Kumpel, der Marchese von Montefiore. Als europaweit bekannter Schürzenjäger möchte er eine Eroberung beim weiblichen Geschlecht machen, und entdeckt auch prompt ein geeignetes Opfer, das unerschrocken durch die Jalousien ihres Zimmers spitzt: „Tarragona, im Sturm genommen, in ohnmächtiger Wut aus jeder Dachluke feuernd, vergewaltigt, förmlich in offenen Haaren, halbnackt, die Straßen feurig übergossen, von toten und tötenden französischen Soldaten überschwemmt – ein solcher Anblick mußte eine unerschrockene Spanierin schon reizen.“

Montefiore lässt sich bei den alten Krämerleuten einquartieren, die das Haus bewohnen, muss jedoch feststellen, dass das hübsche Mädchen versteckt gehalten wird. Sie ist nämlich die Tochter der berühmten La Marana, einer berüchtigten Kurtisane, die schon Königen den Kopf verdreht hat. Wie so viele exzessive Menschen möchte sie nicht, dass das Laster und die Sünde auf ihr Kind übergehen. Ziemlich unfair, könnte man sagen. Selber saufen, koksen und herumhuren, dem eigenen Kind aber nichts davon gönnen wollen. Jedenfalls lebt die junge Juana unter der Obhut der Greise, damit sie irgendwann ordentlich verheiratet werden kann.
Montefiore gelingt es natürlich, Kontakt zu ihr aufzunehmen und sie um den Finger zu wickeln. Als echter Fuckboy geht er dabei behutsam vor, um sie nicht zu erschrecken: „Wäre Montefiore kein solcher Lüstling gewesen, der aus Gewohnheit am Vergnügen in allen Lebenslagen Kaltblütigkeit bewahrt – sie wären an diesen zehn Tagen wohl zehnmal täglich verloren gewesen.“

Seiner Sache sehr sicher rechnet der Gute nur nicht mit La Marana. Die ist nämlich sofort aufgebrochen, als sie von der Erstürmung Tarragonas gehört hat. Plötzlich steht sie in der Wohnstube, einen Dolch in der Hand, und veranstaltet ein mörderisches Gezeter. Juana, ihren Montefiore verteidigend, sagt, dass er sie heiraten will. Als der sich aber nicht schnell genug dazu äußert, wandeln beide Frauen sich zu Furien und wollen ihn wie eine Sau abstechen. Er ruft um Hilfe, sein Kumpel Diard platzt mit einigen Kollegen in die häusliche Szene: „,Du willst sie nicht?‘ stieß Diard hervor, betroffen von der Schönheit Juanas, die durch Empörung, Verachtung, Haß über alle Maßen erhaben war. ,Du bist etwas schwierig! Wenn sie einen Gatten haben will – ich wäre es gern! Tun Sie nur ruhig ihren Dolch wieder weg.“
Und La Marana, beeindruckt von dem Schneid des Franzosen, gibt ihm die Hand ihrer Tochter. Bei einer solchen Schwiegermutter und einem Nebenbuhler wie Montefiore dürfte das eine äußerst interessante Ehe werden.

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2 Gedanken zu “Die Marana, Teil I

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