Filmkritik „Verlorene Illusionen“

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Wie bereits angekündigt kommt heute eine Kritik der am Donnerstag in den deutschen Kinos anlaufenden Balzac-Verfilmung „Verlorene Illusionen“, die man vorab sichten durfte. Grundsätzlich steht man Romanadaptionen aufgeschlossen gegenüber, betrachtet den ursprünglichen Text nicht zwangsläufig als Heiligtum. Heilig ist nur die Aufgabe der Filmemacher, den Geist des Textes so gut wie möglich einzufangen, mit welchen Mitteln auch immer. Und was das betrifft, hat Regisseur Xavier Giannoli ziemlich gute Arbeit geleistet.

„Verlorene Illusionen“ erzählt die Geschichte des jungen Dichters Lucien de Rubempré, der nach Paris geht, um ein berühmter Schriftsteller zu werden und dabei gehörig auf die Fresse fällt – auch und vor allem durch seine eigene Hybris. In Balzacs Roman geht der Ankunft in Paris ein langer erster Teil voraus, der im Film weitgehend ausgespart wird. Die gesamte öde Geschichte um Luciens Schwester Eve und ihren Ehemann David Séchard wird übersprungen, es geht gleich ans Eingemachte: Lucien liest im Salon seiner adeligen Gönnerin (und Liebhaberin) Naïs de Bargeton aus seinem Gedichtband vor. Da die Affäre der beiden aufzufliegen droht, müssen sie in die Hauptstadt abreisen.

Giannoli ist dabei mit den Figuren wesentlich gnädiger als Balzac. Im Buch geht Lucien von Anfang an über die Leichen seiner Familie, sein Dünkel ist unerträglich, denn: Eigentlich heißt er Lucien Chardon, nach seinem bürgerlichen Vater, er hat kein Recht, den adeligen Namen de Rubempré seiner Mutter zu tragen. Ebenso lässt sich Naïs de Bargeton in erster Linie von opportunistischen Beweggründen leiten, hält den liebestollen Dichter stets auf Abstand. Im Film dagegen sind beide idealisierte Helden, einzig und allein der Dichtkunst zugewandt – was aber nur unnachgiebige Balzac-Nerds stören dürfte.

Mit der Ankunft der beiden in Paris dreht der Film dann richtig auf. Dabei gleich ein Augenmerk auf die Ausstattung: die große Hauptstadt, das Juwel der westlichen Zivilisationen ist wundervoll schmutzig. Um von der Kutsche ins Hotel zu gelangen, müssen die konsternierten Protagonisten auf eigens für sie platzierten glitschigen Brettern einen Untergrund überqueren, der wie eine offene Kanalisation aussieht (und genau das ist). Lucien wird prompt im eigenen Quartier, fernab seiner Liebsten untergebracht, aber immerhin für den Abend in die Oper eingeladen. Mit dem sauer verdienten Geld seiner Schwester lässt er sich vom Schneider ausstaffieren, ruft selbstverständlich auch einen Frisör. Dies führt zum ersten echten Höhepunkt des Films: Wenn der kleine Dichter-Parvenü, hergerichtet wie ein auftoupierter Hobbit, die Oper betritt und sich den ganzen Abend wie das letzte Landei verhält. Naïs hört denn auch auf den Rat ihrer mächtigen Cousine, der von Jeanne Balibar verkörperten, fabelhaft diabolischen Marquise d’Espard, und bricht den Kontakt zu ihrem bürgerlichen Freund ab.

Lucien, auf sich allein gestellt, gerät daraufhin in einen abgrundtiefen Strudel. Er lernt den Journalisten Etienne Lousteau (Vincent Lacoste) kennen, im Buch nur eine Einstiegsfigur, hier eine Art Vergil, der den unbedarften Dichter mitten hinein ins Pariser Inferno führt. Schnell wird klar: Nichts ist heilig in dieser Stadt, schon gar nicht die Kunst. Jeder Ruhm muss gekauft werden, im Theater durch Claqueure, in der Literatur durch bezahlte Kritiker und künstliche Kontroversen. Alles zittert vor der Macht der korrupten Zeitungsschreiber, die mit ihren Fake-News, damals noch „Enten“ genannt, den Gang der Dinge bestimmen. Lucien ist kurz schockiert, doch dann, weil sich ihm die Möglichkeit bietet, wird er bald zur schlimmsten Giftspritze von allen. Besonders schön dabei die Szene, in der er vom hinterhältigen Herausgeber Finot mit Champagner getauft wird: „Im Namen des bösen Glaubens, des falschen Gerüchtes und der heiligen Werbeanzeige taufe ich dich hiermit zum Journalisten.“

Letzten Endes ist es natürlich schwierig, den Beruf des Schriftstellers wirklich nachvollziehbar auf der Leinwand darzustellen. Hier bildet „Verlorene Illusionen“ keine Ausnahme. Doch da Lucien im Roman auch so gut wie nie schreibt, sondern immer nur darüber redet, geht das völlig in Ordnung. Die beiden dramaturgisch stärksten Stellen (Luciens größtmöglicher Verrat, sowie sein größtmöglicher Verlust) wurden von den Drehbuchautoren etwas vereinfacht, kommen aber dennoch gut rüber. Überhaupt sei an dieser Stelle gesagt, dass man sich mit diesem immerhin zweieinhalbstündigen Film keine Minute langweilt. Dies liegt vor allem an den famosen, bis in die kleinsten Rollen einfühlsam besetzten Schauspielerinnen und Schauspielern. Ob es um die Sugardaddies Matifat und Camusot geht, oder den von Gérard Depardieu verkörperten Verleger Dauriat – alle fügen sich perfekt ins Gesamtbild. Ungewöhnlich und angenehm auch die Entscheidung, die Theater-Loretten Florine und Coralie nicht nach dem heutigen, zwangsläufig sportlichen Schönheitsideal zu besetzen, sondern der damals vorherrschenden, sinnlich-üppigen Attraktivität Tribut zu zollen.

Man könnte hier noch ewig weiter schwadronieren, über den angenehmen Soundtrack aus Stücken von Schubert, Rossini, Vivaldi, Rameau und Bach, über die punktgenaue Ausstattung (außer beim Nachbau der historischen Oper, die etwas klein geraten ist), die schönen Kostüme, die sehr gelungene deutsche Synchronisation. Aber man begnügt sich am Ende damit, eine schlichte und eindeutige Empfehlung auszusprechen: Dieser Film ist ein Glanzstück über die Untiefen der Großstadt, der Liebe und des Literaturbetriebs, und darüber hinaus der perfekte Einstieg für Balzac-Neulinge. Erst den Film schauen, dann das Buch lesen, dann bei Bedarf noch weitere Bücher lesen (zum Beispiel eines aus den hier vorgestellten Top Ten).

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2 Gedanken zu “Filmkritik „Verlorene Illusionen“

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