Die Verbannten

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BAND 77: Die Verbannten

Im Jahr 1308 gibt es ein Haus hinter Notre-Dame, auf dem äußersten Zipfel der Seine-Insel, in dem ein greiser Gelehrter und sein adeliger Gehilfe logieren. Sehr zum Leidwesen ihrer Wirtsleute, muss man dazu sagen, die ihre Gäste für Hexenmeister halten. „In jener Zeit verzagten alle, Kleine und Große, Gelehrte und Laien, bei dem Gedanken an übernatürliche Kräfte. Das Wort Zauberei konnte genau so wie das ,Aussatz‘ Gefühle zerstören, Verwandtschaftsbande lösen und das Mitleid in den großmütigsten Herzen zu Eis erstarren machen.“ Gut zu wissen, dass das schon vor 700 Jahren so war. Dann wundert man sich weniger darüber, wenn heutzutage die Worte „Brexit“, „Trump“ und „Impfung“ den gleichen Effekt haben.
Der Gelehrte und sein Gehilfe Godefroid wirken beide sehr traurig. Ist auch kein Wunder, schließlich wurden sie, jeder für sich, aus ihrer Heimat verbannt. In der Universität behandelt man sie trotzdem mit dem höchsten Respekt. Am Abend will Godefroid sich aus Verzweiflung erhängen, allerdings bindet er den Strick dafür nur an einem Nagel fest, der natürlich nachgibt. So ein Eierkopf, kann sich nicht mal ordentlich erhängen. Als Strafe müssen er und der Leser sich einen Vortrag seines Meisters anhören. Beziehungsweise die endlose Beschreibung einer Vision, die einen frappierend an „Die göttliche Komödie“ von Dante erinnert.
Man ärgert sich kurz, dass Balzac derart von seinem eigenen Alleinstellungsmerkmal abweicht, als plötzlich ein Soldat erscheint und dem Meister verkündet, dass sein Exil zu Ende ist. Es folgt die große Enthüllung: „,Nach Florenz, nach Florenz! O mein Florenz!‘ rief Dante Alighieri aus, wandte sich um und blickte zum Himmel, glaubte Italien zu sehen und wuchs ins Riesenhafte.“
Ein eher langweiliger Text wird also am Ende dadurch erfreulich, dass man sich über die eigene halbseidene Bildung freut und darüber, richtig geraten zu haben. Könnte schlimmer sein.

Beste Stelle:

Der originelle Fluch des Hausherrn der Verbannten: „Beim zwiefach gehörnten Mohamed, die Sachen hier im Hause passen mir nicht!“

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2 Gedanken zu “Die Verbannten

  1. Pingback: Das rote Wirtshaus | CLINT LUKAS

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