Adieu

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BAND 68: Adieu

Zwei Jäger verlaufen sich im Wald und stoßen dabei auf ein verfallenes Haus. Im Garten des Hauses tobt eine Frau herum, die offensichtlich nicht mehr alle Schalen an der Zwiebel hat. Als einer der Jäger, Oberst Philipp de Sucy mit Namen, das Gesicht der Frau erkennt und ihr gerufenes „Adieu“ vernimmt, fällt er in Ohnmacht. Zeit für die fragwürdige medizinische Expertise Balzacs, die er gern hier und da einstreut: „Wäre der Herr Oberst nicht fast nüchtern gewesen, (…) so wäre er gestorben. Seine Mattigkeit hat ihn gerettet.“
Es stellt sich nämlich heraus: Philipp kennt die Gute vom Russlandfeldzug. Als sich die Grande Armée auf dem Rückzug befand und bei der Querung der Beressina völlig zerfiel, versuchte er die Frau zu retten. Allerdings wurden die beiden getrennt, das letzte Wort, das er von ihr vernahm, war: Adieu. Er kam daraufhin nach Sibirien ins Straflager, sie wurde jahrelang als Sexsklavin von Hand zu Hand gereicht. Verständlich, dass sie da ein Trauma davon getragen hat.

Als er sie nun wieder sieht, scheint er zuerst glücklich zu sein. Allerdings erkennt sie ihn nicht, hat mehr Ähnlichkeit mit einem Tier, als mit einem Menschen. „Er fand den Mut, Stephanie zu zähmen, indem er ihr Süßigkeiten aussuchte; er gab sich solche Mühe, ihr diese Nahrung herbeizubringen, er verstand es, die bescheidenen Eroberungen, die er dem Instinkt seiner Geliebten diesen letzten Rest ihrer Intelligenz aufdrängen wollte, so vorsichtig abzumessen, daß es ihm gelang, sie vertraulicher zu machen, als sie es jemals gewesen war.“
Seien wir ehrlich: Fast alle Beziehungen beginnen so. Allerdings wird Stephanie erst durch einen kolossalen Einfall des Obersten geheilt. Mithilfe von tausend Statisten und einem Hollywood-würdigen Filmset stellt er die Szene an der Beressina nach, inklusive toter Pferde, brennender Biwaks und dem Fluss. Derart an den Ort ihres Urtraumas zurückversetzt, kommt Stephanie zu sich, es folgt ein kurzer, naja, ein sehr kurzer Glücksmoment:
Plötzlich legte sich ihr Weinen, sie wurde leblos, als wenn der Blitz sie gerührt hätte, und hauchte mit schwacher Stimme: ,Adieu, Philipp! Ich liebe dich, adieu!‘
,Oh, sie ist tot!‘ rief der Oberst, indem er die Arme öffnete.“
Da fragt man sich schon, ob eine traumatisierte Frau nicht trotz allem eine bessere Gesellschaft ist, als eine verstorbene.

Beste Stelle:

Die Kutschenfahrt durch einen Flüchtlingstreck, am Steuer ein Grenadier, der nicht zimperlich ist: „,Vorwärts! Man macht keine Omeletten, ohne Eier zu zerschlagen.‘ Und der Grenadier jagte die Pferde auf die Menschen los, ließ blutige Geleise hinter sich, stürzte die Zelte um und bahnte sich eine doppelte Furche quer durch dieses Feld von Köpfen. Aber wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er niemals unterließ, mit donnernder Stimme zu rufen: ,Achtung, ihr Biester!’“

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2 Gedanken zu “Adieu

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