Die Lilie im Tal, Teil I

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Neues Spiel, neues Glück. Gerade erst hat man erfahren, dass Balzac seinen Roman Zwei Frauen in Wien schreiben wollte, um von dem Vorschuss seine Gläubiger bezahlen zu können. Allerdings ging er dann lieber auf die Parties mondäner Herzoginnen, wer kann es ihm verdenken. Statt bei seiner Rückkehr nach Paris das liegen gelassene Projekt anzugehen, widmet er sich einem neuen, vielversprechenderen.

BAND 32: Die Lilie im Tal, S. 1 – 33

Ein Briefroman aus der Sicht von Felix de Vandenesse, man erinnert sich: Der Ehemann aus Eine Evatochter, der seine Gattin mit vollendeter Eleganz davon abhält, sich mit einer Affäre zu kompromittieren. Außerdem der Liebhaber der lustigen Schreckschraube Nathalie de Manerville aus Der Ehekontrakt. An ebendiese ist der Brief auch gerichtet, Felix verspricht darin, ihr die Geschichte seiner ersten Liebe zu erzählen, die ihn zu dem gemacht hat, was er ist.
Es ist kein leichter Weg, den er hinter sich hat. Aufgewachsen als zweiter Sohn einer gefühlskalten Mutter, wird er als Kind pausenlos vom älteren Bruder und den beiden Schwestern gemobbt. In den verschiedenen Internaten, in die das eingeschüchterte Kind abgeschoben wird, geht es genauso weiter. „Ein entsetzlicher Mangel an Selbstvertrauen überfiel mich, da ich in der Schule auf denselben Abscheu stieß, den ich in der Familie einflößte. Dort, wie zu Hause, zog ich mich ganz in mich zurück. Ein zweiter Schneefall verzögerte die Blütezeit der Keime, die in meine Seele gesenkt waren.“

Spätestens hier wird man hellhörig und blättert erneut in der Biographie des Meisters. Auch Balzacs Mutter war ein soziopathisches Ungeheuer, ausgelöst vielleicht durch den frühen Tod ihres ersten Sohnes. Jedenfalls wird sie den jungen Balzac nach seiner Geburt sofort zu einer Amme geben, ihn später in grausam strengen Ordensschulen parken, wo das schmächtige, introvertierte Kind Opfer der Schikanen von Lehrern und Mitschülern wird. „Insgesamt erlebte Balzac im Rückblick seine Kindheit und Jugend als freudlos und entwickelte einen tiefsitzenden Groll gegen seine Mutter“, heißt es auf Wikipedia. Sein alter ego Felix, der erst mit zwanzig wieder in den Schoß der Familie nach Tours kommen darf, beschreibt seine Mutter folgendermaßen: „Dabei erkannte ich in ihr eine große Dame, die schauspielerte, trocken und hager, egoistisch und unverschämt war, wie alle die Listomères, bei denen die Unverschämtheit in der Mitgift inbegriffen ist. (…) Sie kränkte uns fortwährend durch eine beißende Ironie, die allen herzlosen Menschen als Waffe dient und die sie gegen uns, die wir ihr nicht antworten konnten, anwandte.“

Felix hat noch nie Liebe erfahren, als er seinen ersten Ball besucht. Natürlich hat sich auch Sex-technisch bisher nichts abgespielt. Umso größeren Eindruck macht daher eine unerwartete Situation auf ihn: „Eine Frau hielt mich infolge meines schmächtigen Aussehens für ein Kind, das einschlafen wollte, während es auf seine Mutter wartete, und setzte sich neben mich mit der Bewegung eines Vogels, der sich auf sein Nest niederläßt.“
Die besagte Dame hat entzückende Schultern, so entzückend, dass Felix nicht anders kann, als diese kurzerhand abzuküssen. Große Empörung, die Unbekannte rauscht ab. Um den jungen Adeligen ist es geschehen, und er beeilt sich herauszufinden, um wen es sich bei ihr handelt. Als kleiner Tipp wird ihr Wappen beschrieben, heraldisch gebildete Leser werden sofort darauf kommen: „Im goldenen Feld ein dunkelrotes Kreuz auf schwarzem Hintergrund mit Querbalken eines Galgens, aus dessen Mitte eine goldene Lilie herauswächst.“
Und, na? Genau: Es ist natürlich die Gräfin von Mortsauf.

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2 Gedanken zu “Die Lilie im Tal, Teil I

  1. Pingback: Demut und Größenwahn | CLINT LUKAS

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