Demut und Größenwahn

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Es ist der 108. Tag dieses vermessenen Projektes. Bislang hat man sein tägliches Schärflein Balzac geschafft, ohne zu murren, etwa ein Drittel der Menschlichen Komödie ist in Sack und Tüten. Natürlich war es nie nur eine Stunde Balzac pro Tag, eher zwei oder drei, vor allem wenn der Kommentar-Teil durch persönliche Einträge erweitert wurde. Wenn dann nach so einer Session die Gedanken zum nächsten Tag wandern, wenn einem klar wird, in was für eine Mühle man sich freiwillig begeben hat, lässt die Motivation bisweilen zu wünschen übrig.
Man ist deshalb froh eine Freundin zu haben, die einen auffordert, Urlaub von sich selbst zu nehmen.
„Du solltest einfach mal einen Tag keinen Balzac lesen“, hat Judith in Wien gesagt. „Das ist schließlich ein Selbstversuch und keine Klausur.“
„Hmmm“, macht man und klammert sich unsicher an den nächsten Balzac-Band.
„Du könntest auch mal mehrere Tage aussetzen.“
„Auf keinen Fall!“, echauffiert man sich. „Balzac hat auch keinen Tag frei gemacht und schon gar nicht mehrere am Stück. Außerdem finde ich sonst nicht mehr rein, dann steht das ganze Projekt auf der Kippe. Dann ist Polen offen und alles war umsonst!“
„Streber“, sagt Judith, und hat damit recht.

Man ist stolz darauf, ein Streber zu sein. Zumal Balzac längst schicksalhafte Bedeutung angenommen hat. Er ist ein Talisman. Kaum hatte man den heidnischen Pakt geschlossen, erhielt man den gutbezahlten Auftrag, eine Biographie zu schreiben. Dreieinhalb Monate nach Beginn dieses Blogs schließt man einen Buchvertrag mit dem größten Sachbuchverlag des Landes ab. Würde es noch eine Pairskammer geben, wie in Balzacs Paris der Restauration, man würde bereits damit liebäugeln, in den staatlichen Dienst zu treten. Karriere zu machen. Wie Rastignac, oder Henri de Marsay. Mithilfe des Meisters wird man ganz nach oben aufsteigen, vorbei an all den Möchtegern-Künstlern, die am Wochenende nicht arbeiten (lächerlich!). Wie Zarathustra wird man dann auf einem einsamen Berg stehen, den Ruhm wie ein leichtes Jäckchen um die Schultern gelegt, und direkt in die Sonne blicken…

Alle mal stop. Man hat am Abend zu viel getrunken, war trotz Einnahme von Elotrans und Ibuprofen furchtbar verkatert. Kaum lichten sich die Migräne-Nebel, muss man wieder den Babbo markieren. Jedenfalls wird dieser Tag ein Balzac-freier Tag, damit der Größenwahn sich wieder auf einem erträglichen Level einpegelt. Morgen dann BAND 32: Die Lilie im Tal.

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2 Gedanken zu “Demut und Größenwahn

  1. Pingback: Verlorene Illusionen, Teil XV | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Die Lilie im Tal, Teil I | CLINT LUKAS

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