Die Lilie im Tal, Teil II

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Am frühen Morgen von einer Mahnung des Centrums für Blutgerinnungsstörungen und Transfusionsmedizin in Bonn geweckt worden. Angeblich hätte man den Laborbefund des PCR-Tests vom 5. Januar 2022 noch nicht bezahlt. Um die Rechnung einsehen zu können, muss man ein Häkchen in das Kästchen ICH BESTÄTIGE, DASS DER TEST DURCHGEFÜHRT WURDE setzen. Vor solchen unumstößlichen Bekenntnissen schreckt man grundsätzlich zurück. Woher soll man wissen, was am 5. Januar geschehen ist? Es könnte sein, immerhin hatte man genau während dieser Zeit Corona. Trotzdem ist es beunruhigend, die Vergangenheit konkret datieren zu müssen. Das Leben besteht aus Zeitspannen, der einzig festlegbare Zeitpunkt ist der Tod.
Am 5. Januar, vor viereinhalb Monaten, sah die Welt noch anders aus. Es gab keinen Krieg in Europa. Die Linden hatten keine Blätter, ebenso wenig die Birken. Man hatte gerade den Jugendroman fertig geschrieben und wappnete sich, das tiefe, dunkle Tal zu durchschreiten, von nicht-künstlerischen Zivilisten auch „Freizeit“ genannt. Man hatte keine Ahnung von den Büchern, die vor einem lagen, man hatte keine Gesamtausgabe der Comédie humaine im Regal stehen. Das Kind hatte noch keine Ohrlöcher.
Nachdem man dem CBT Bonn seine rechtschaffene Leistung vergolten hat, entfernt man die Marienkäfer-Anhänger aus den noch leicht geschwollenen Kinderohrläppchen. Stattdessen werden die gerade in Wien erstandenen Gänseblümchen-Stecker aus 925er Sterlingsilber angebracht. Ausführliche Diskussion, ob es sich wirklich um die Nachbildung von Gänseblümchen handelt, oder vielleicht doch die von Edelweiß. Siri, zeig uns Bilder von Edelweiß. Na, bitte, diese wollig-weißfilzigen, schmal lanzettlichen Laubblätter erkennt man doch auf hundert Meter Entfernung.

BAND 32: Die Lilie im Tal, S. 33 – 89

Um seine zarte Konstitution zu schonen, wird der junge Felix de Vandenesse aufs Land geschickt, zufällig in die Nähe des Schlosses seiner Flamme Madame de Mortsauf. Durch seinen Wirt lässt er sich bei ihr einführen und lernt bei der Gelegenheit ihre beiden kränklichen Kinder, sowie den hypochondrischen, übellaunigen Gatten kennen: „Sein Gesicht erinnerte entfernt an das eines weißen Wolfes, der Blut an der Schnauze hat. (…) Sein klares Auge war gelb und hart und traf einen wie ein Sonnenstrahl im Winter, leuchtend, ohne Wärme, unruhig ohne Gedanken, mißtrauend ohne Objekt.“ So könnte man auch den Hexer Geralt von Riva beschreiben.
Um seiner heimlich Angebeteten nahe sein zu können, schmeichelt Felix sich beim Grafen de Mortsauf und bei den Kindern ein. Es wirkt ein wenig, als würde Balzac hier seine Version des Werther schreiben. Nachts legt Felix sich vor dem Fenster der Geliebten auf die Lauer und träumt vor sich hin: „Erst zwei Monate später erfuhr ich, daß sie diese Nacht in fürchterlichen Ängsten zugebracht hatte. Sie hatte gefürchtet, daß ihr Sohn die Bräune habe, und ich hatte währenddessen in dem Boot gesessen; auf Liebesgedanken weich gebettet, und mir vorgestellt, daß sie mich von ihrem Fenster aus sehen würde“.
Das ewige Problem mit der Kommunikation. Man glaubt, dass man einen Moment der holden Eintracht teilt, dabei denkt die Liebste nur an Diphtherie.

Schließlich kann er sie doch einmal allein im Garten abpassen und endlich sein brennendstes Verlangen befriedigen: Er entschuldigt sich für den unerlaubten Schulterkuss. So richtig näher kommt er der Madame dadurch leider nicht: „Ich weiß, wovon Sie sprechen wollen, es handelt sich um den ersten, den letzten und den einzigen Schimpf, den ich je erhalten habe. Sprechen Sie niemals von diesem Fall. Wenn die Christin Ihnen vergeben hat, die Frau leidet noch darunter.“
Das klingt nicht gerade so, als wäre da auf dem amourösen Sektor sonderlich viel zu holen. Felix lässt jedoch nicht locker und erzählt ihr erstmal seine Lebensgeschichte. Das kann er ja gut, immerhin ist dieser ganze Bericht eine einzige Briefbeichte, wie man sich erinnert. „Ich erzählte ihr meine Kindheit und meine Jugend nicht, wie ich sie dir erzählt habe, von der Ferne betrachtet, sondern mit den brennenden Worten junger Menschen, deren Wunden noch bluten. Meine Stimme klang wie das Beil der Holzfäller in einem Wald. Krachend fielen vor ihr die toten Jahre nieder wie blattlose Äste.“

Beste Stelle:

Die Lexikon-würdige Beschreibung des Parvenüs: „Die Emporkömmlinge gleichen oft den Affen, deren Geschicklichkeit sie besitzen. Man sieht sie in der Höhe, man bewundert ihre Beweglichkeit während des Heraufkletterns, aber wenn sie auf dem Gipfel angelangt sind, sieht man nur ihren am wenigsten schönen Körperteil.“

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2 Gedanken zu “Die Lilie im Tal, Teil II

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