Verlorene Illusionen, Teil I

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Man ist ja bekannt dafür, immer ruhig und geduldig, mehr Beobachter und Zuhörer, als Agitator zu sein. Wenn dann aber die cholerische Veranlagung des Vaters mal in Wallung gebracht wird, steht der Dachstuhl so richtig in Flammen.
Der Broterwerb, dem man nachgeht, ist im Grunde eine meditative Tätigkeit, die perfekte Einstimmung aufs Schreiben. Versandleitung in einem mittelgroßen Betrieb. Man schreibt Angebote und Rechnungen, beauftragt Speditionen, regelt einfache Zollangelegenheiten, betreut die Wünsche der Kunden. Dass indische Geschäftspartner anstrengend sind, wurde bereits erwähnt. Auch mit Spaniern hat man seine Probleme, weil schwer von Begriff, dabei aber stur und uneinsichtig.
Israelis und Franzosen können nerven, weil sie alle zwei Wochen ihren Firmennamen ändern, und man jedes Mal Bankkonto, Rechnungsprogramm und e-mails abgleichen muss, bis man die Zahlungseingänge zuordnen kann. Allerdings ist man frankophiler Israelfreund, wodurch man Nachsicht walten lässt. Bis zu einem gewissen Punkt.
An diesem Morgen jedoch zwei e-mails eines Parisers, der im Mai 2022 auf die Idee kommt, die Buchhaltung des letzten Jahres anzugehen. Und dabei nicht durchsieht. Weil er offensichtlich auch keinen Überblick im eigenen Lager hat. Außerdem wartet er noch auf seine letzte Sendung, die am 21. April verschickt wurde. An seine alte Adresse. Er hat nämlich eine neue. Was er einem aber erst am 3. Mai mitgeteilt hat. Ob man mal eine Sendungsverfolgung bei DHL anstrengen könnte.
Man sitzt allein um 7.45 Uhr in der Firma. Weil man gern alles vorbereitet hat, bis die Packer-Kollegen um acht auf der Matte stehen. Auf die Art muss nicht viel gesprochen werden, jeder kann seine Arbeit machen und dabei den eigenen Gedanken nachhängen. Zum Beispiel Gedanken an Balzac. An diesem Morgen schreit man jedoch den Bildschirm an, blättert schimpfend in Rechnungsordnern, was einem nur bestätigt, was man ohnehin wusste: Der Franzmann hat Scheiße gebaut, und man selbst soll es gerade biegen.
Die Kollegen verkrümeln sich kleinlaut in verborgene Schlupfwinkel. Nachdem man dem Franzosen per mail den Scheitel neu gezogen hat, unterschreibt man zum ersten Mal mit einem simplen „Regards“, ohne „kind“ oder „best“ davor, so wütend ist man. Doch ein alter Jedi-Trick besagt auch: Je heißer die Wut brennt, desto schneller verraucht sie. Man fragt die Kollegen, ob man ihnen einen Kaffee machen darf und langsam, vorsichtig Zutrauen fassend, nähern sie sich wieder der Schaltzentrale. Man wendet sich dem täglichen Stück Balzac zu.

BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 1 – 50

Warum lange am Teller kratzen, wenn man auch direkt ins Filetstück beißen kann? Die Illusions perdues sind das zentrale Werk der Menschlichen Komödie und man will es endlich ergründen. Der erste Teil ist mit Die beiden Dichter überschrieben, das klingt griffig, das weckt Interesse, los geht die wilde Fahrt.
Nachdem man den Wucherer Gobseck und den alten Grandet aus Saumur kennengelernt hat, tritt mit Jérôme-Nicolas Séchard der dritte große Geizhals in den Kreis der glorreichen Unsympathen. Er ist Inhaber einer Provinzdruckerei in Angoulême, was der Meister direkt zum Anlass nimmt, mit seinem Fachwissen zu glänzen. Er hat ja selbst sein Glück als Drucker versucht, wie man aus der Biographie von Stefan Zweig weiß, scheiterte allerdings nach wenigen Jahren.

Der alte Séchard schickt seinen Sohn David nach Paris, wo dieser Buchdruckerei studiert. Nach seiner Rückkehr überlässt sein Vater ihm den Betrieb, bzw. schwatzt ihn ihm auf, und verlangt dafür einen so hohen Phantasiebetrag, dass David auf Jahrzehnte hinaus verschuldet sein wird: „Großmütige Menschen sind schlechte Kaufleute. David gehörte zu jenen schamhaften und zärtlichen Naturen, die vor einer Streiterei zurückscheuen und in dem Augenblick nachgeben, wo der Gegner ihrem Herzen nur im geringsten zu nahe kommt.“
Diese Schwäche versteht man als zarte, konfliktscheue Künstlerseele sehr gut, da man auch lieber horrende Rechnungen zahlt, als sich ärgern zu lassen, was natürlich ausgenutzt wird. Jedenfalls muss der arme David seinen Vater abschreiben, er „empfand die schrecklichste aller Demütigungen. Er verlor die Achtung vor seinem Vater, er mußte die ganze Flut von schmutzigen, weinerlichen, feigen, krämerhaften Gründen über sich ergehen lassen, in die der alte Geizhals seine Weigerung kleidete.“

Statt sich selbst an den Haaren aus dem Ruin zu ziehen, verbringt David die Tage lieber mit Träumereien. Das liegt vor allem daran, dass er seinen Schulfreund Lucien Chardon wieder trifft, den Sohn eines Apothekers und der verarmten Adligen Madame de Rubempré. Gerade als man sich über die Identifikationsfläche freut, die einem bei Protagonisten mit 30.000 Francs Rente fehlt, kommt die Information, dass Luciens soziales Umfeld vor allem damit beschäftigt ist, seine Marotten zu finanzieren.
Die edle Mutter verdingt sich als Pflegerin, die schöne Schwester Eva ist Feinwäscherin, David, der in Eva verliebt ist, stellt Lucien als Korrektor an, obwohl er sich das nicht leisten kann. Und warum? Na, weil Lucien der süßeste Fratz von der Welt ist: „Über die Wangen zog sich ein seidiger Flaum, dessen Farbe mit der eines blonden von Natur gelockten Schopfes zusammen klang. Göttliche Anmut glänzte um das helle Gold der Schläfen. Unvergleichlicher Adel sprach aus dem kurzen Kinn, das er ohne Schroffheit aufwarf. Das Lächeln trauernder Engel irrte um die Korallenlippen, zwischen denen die schönsten Zähne schimmerten. (…) Beim Anblick seiner Füße konnte ein Mann um so mehr in Versuchung kommen, ihn für ein verkleidetes junges Mädchen zu halten, als er die plastischen Hüften einer Frau hatte wie übrigens die meisten Männer von feinem, um nicht zu sagen verschlagenem Verstand.“
Darin liegt also der Trick, denkt man sich, während man sein ganz und gar unadeliges Kinn voller Schroffheit aufwirft.

Und so sitzen die beiden jungen Dichter Lucien und David jeden Abend vor der Druckerei, lesen Byron und Schiller, und geraten darüber in Verzückung. Ihre Träume sind ebenso ehrgeizig, wie ihre Aussichten hoffnungslos scheinen. Zumindest denkt man das, bis Lucien mit der Sprache rausrückt, dass er bei der grand dame der Stadt eingeladen ist, um seine Gedichte zum Besten zu geben. Diese in der elitären Oberstadt lebende Madame de Bargeton, geborene Négrepelisse, langweilt sich in ihrem drögen Spießerumfeld und schart deshalb Künstler um sich, wo sie kann. Die große Chance für Lucien also, allerdings gibt es zwei kleine Komplikationen: Erstens besteht er in seiner jugendlich egalitären Haltung darauf, dass die Einladung auf seinen Buddy David ausgeweitet wird. Und zweitens: „,Nun, Lucien‘ fragte David, als der Junker gegangen war, ,solltest du in Frau de Bargeton verliebt sein?‘ ,Besinnungslos.’“

Beste Figur:

Der alte Geizhals Séchard, der seinen Analphabetismus mit einem anderen Talent kompensiert: „Wenn er wenig von den feineren Künsten der Typographie verstand, galt er doch als außergewöhnlich beschlagen in der, die bei den Arbeitern scherzhaft die Saufographie genannt wird – einer Kunst, die dem göttlichen Urheber des Pantagruel sehr am Herzen lag, aber dank den Verfolgungen durch sogenannte Mäßigkeitsvereine mehr und mehr in Verfall geraten ist.“

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil I

  1. Pingback: Eugenie Grandet, Teil VI | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Verlorene Illusionen, Teil II | CLINT LUKAS

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