Eugenie Grandet, Teil VI

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Seit knapp zwei Wochen verbringe ich viele Nächte in Alt-Treptow, direkt am Dreiländereck. Um dorthin zu gelangen, muss man mit der U8 zum Hermannplatz fahren und sich anschließend durch die Weserstraße oder eine der anderen Kreuzköllner Achsen des Bösen nach Osten vorkämpfen.
Hipsterland.
Jedes mal, wenn man nach Neukölln geht, passiert irgendwas. So war es jedenfalls Ende März. Kurz zum Geburtstag von Peter Wittkamp gegangen, und in der Folge verlässt man jeden zweiten Abend den heimischen Brennpunktbezirk, um in den Dschungel der verwöhnten Expats und libanesischen Clanstrukturen einzutauchen.
Die Liebe ist ein Gericht, das man mit Kräuter, scharf, Salat alles serviert.

BAND 30: Eugenie Grandet, S. 231 – 272

Fünf Jahre ziehen ins Land, in denen der alte Geizhals seine Tochter in alle Geschäfte einweiht. Als er schließlich stirbt, hat er kein bisschen von seinem Schneid verloren. Statt das goldene Kruzifix des Pfarrers zu küssen, will er es an sich reißen, ruft mit letzter Kraft nach Eugenie: „,Sorge gut für alles! Du mußt mir darüber Rechenschaft ablegen da unten‘, sagte er und bewies durch seine letzten Worte, daß das Christentum die Religion der Geizhälse sein muß.“
Damit ist Eugenie alleinige Erbin von siebzehn Millionen Francs. Die treue Nanon wird mit einer saftigen Rente versorgt und kann heiraten, doch um das Herz ihrer Herrin ist es traurig bestellt. Die beiden wundern sich, warum der geliebte Vetter seit sieben Jahren nicht aus Indien geschrieben hat. Denn der liebe Charles hat schnell herausgefunden, dass es nur ein wirklich lukratives Geschäft in Übersee gibt, nämlich den Sklavenhandel: „Er hatte keine bestimmten Ansichten mehr über Recht und Unrecht, da er sah, daß in einem Land als Verbrechen behandelt wurde, was im andern Tugend war. In beständiger Berührung mit Gewinnsucht, wurde sein Herz kalt, eng und trocken. (…) und wenn er seine ersten Erfolge dem magischen Einfluß der Gelübde und Gebete des sanften Mädchens zuschrieb, so löschten später die Negerinnen, die Mulatinnen, die Weißen, die Javanesinnen, die orientalischen Tänzerinnen, seine Orgien in allen Farben und seine Abenteuer in den verschiedenen Ländern, vollständig die Erinnerung an seine Kusine, Saumur, das Haus, die Bank, den im Gang geraubten Kuß aus.“

Als er 1827 wieder in Frankreich landet, bewaffnet mit Fässern voll Goldstaub, heiratet er prompt die Tochter der Marquise d’Aubrion, um endlich Karriere machen zu können. Eugenie wird davon in einem eiskalten Brief unterrichtet. „Das Schiff war gescheitert und ließ weder Tau noch Planke auf dem weiten Ozean der Hoffnungen zurück.“
Statt böse mit dem untreuen Vetter zu sein, zahlt Eugenie noch die schlappen zwei Millionen Francs Schulden, die er von seinem Vater geerbt hat. Anschließend heiratet sie den doofen Richter Cruchot, allerdings mit dem Gelübde, für immer Jungfrau zu bleiben. Sie verbringt ihren Lebensabend damit, Altersheime und Kinderschulen zu stiften.

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2 Gedanken zu “Eugenie Grandet, Teil VI

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