Der Pfarrer von Tours, Teil I

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Aufgewacht im Oderbruch, im Landhaus des Protagonisten des aktuellen Biographie-Projektes. Ältestes Haus Neutrebbins, in dessen Erdgeschoss er ein Heimatmuseum eingerichtet hat, um die Dorfbewohner zusammen zu bringen. Bis zum 2. Weltkrieg war der Hof ein Gänsemastbetrieb, im Grunde bestand die ganze Stadt aus Mastbetrieben, die Berlin mit Geflügel versorgten. Damals gab es im Ort vierzehn Kneipen, heute keine einzige mehr. Direkt nebenan liegt das Schlachtfeld, auf dem der Alte Fritz die Koalition aus Russland und Österreich-Ungarn besiegt hat, und später der Volkssturm von der Roten Armee geschlagen wurde.
Man sitzt auf einem alten Bauernsofa und liest Balzac. Jedes Mal, wenn ein LKW an der zur Straße gelegenen Fachwerk-Hauswand vorbeifährt, scheppern im Schrank die Gläser. Siebzig Kilometer von Berlin entfernt, die sich wie siebzig Jahre anfühlen. Zugvögel fliegen in komplizierten Formationen über den Hof.

BAND 28: Der Pfarrer von Tours, S. 1 – 43

Der Abbé Birotteau, Vikar der Kathedrale von Tours, ist verliebt in die hübsche Wohnung seines Freundes Chapeloud. Als er nach dessen Tod dort einziehen darf, sieht er sich am Ziel seiner Hoffnungen: „Der Besitz dieser so heiß begehrten Dinge und die Aussicht, Fräulein Gamards Pension zu beziehen, milderten Birotteaus Schmerz über den Verlust seines Freundes bedeutend: vielleicht hätte er ihn nicht von den Toten wieder erweckt, aber er beweinte ihn aufrichtig.“
Gerade auch dies besagte Fräulein Gamard wurde ihm von seinem Freund als Engel gerühmt, unter dessen Dach einem jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird. Doch dann muss Birotteau feststellen, dass er schlecht behandelt wird. Man lässt ihn im Regen stehen, heizt seinen Kamin nicht ein, und er hat keinen Schimmer, wieso: „Birotteau, dessen Güte an Dummheit grenzte, dessen Bildung durch Arbeit aufgepfropft war, (…) der zwischen Messe und Beichtstuhl lebte und die leichtesten Gewissensfälle, als Beichtvater einiger Mädchenpensionate und einiger frommer Seelen, die ihn schätzten, schwer nahm, Birotteau war ein großes Kind, das vom Leben und seinen Praktiken nichts ahnte.“

Während sein Vorgänger Chapeloud es nämlich verstand, die vielen kleinen Eitelkeiten der alten Jungfer Gamard zu streicheln, hat Birotteau gründlich verschissen. Monatelang verbringt er mit einer adeligen Freundin die Abende bei ihr, was sie auf die Idee bringt, einen eigenen Salon zu gründen. Doch gerade als sie sich soweit aus dem Fenster lehnt, Einladungen zu verschicken, sucht Birotteau sich einen anderen Zeitvertreib: „Obgleich der Vikar zu jenen gehörte, die einst ins Paradies kommen werden, nach den Worten der Schrift: ,Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr‘, konnte er doch, wie so viele Dumme, die Langeweile, die ihm andere Dumme bereiteten, nicht aushalten. Geistlose Menschen gleichen dem Unkraut, das sich am liebsten in gutem Boden einnistet, je langweiliger sie sind, desto gieriger sind sie darauf, unterhalten zu werden.“

Durch seinen ungeschickten Egoismus hat der arme Birotteau sich ein Wesen zum Feind gemacht, das Balzac genüsslich über zehn Seiten als den Urtypus der alten Jungfer beschreibt. Man kommt aus dem Kichern kaum heraus, und weiß nicht, was man zuerst zitieren soll:
Wenn ein dem weiblichen Geschlecht angehöriges Geschöpf unverheiratet bleibt, so entbehrt sein Leben des Sinnes, eine kalte, egoistische Frau erweckt nur Abneigung. (…)
Lange, ehe alte Mädchen die Schuld für ihre Einsamkeit in sich suchen, machen sie die Welt dafür verantwortlich. (…)
Sorglos ließ sie die Härchen auf ihrem Kinn wachsen. Ihre schmalen Lippen deckten kaum ihre übermäßig langen Zähne, die weiß geblieben waren. Ihr einst schwarzes Haar war infolge grausamer Kopfschmerzen weiß geworden. (…)
Sie ging, ohne daß der Körper die Bewegungen mitmachte, und doch entstehen nur auf diese Weise die bei Frauen so anziehenden wellenförmigen Bewegungen. Sie ging gewissermaßen aus einem Stück, und schien bei jedem Schritt wie die Statue des Komturs aus dem Boden zu wachsen. (…)
So war die Frau beschaffen, die bestimmt war, in die letzten Tage des Abbé Birotteau entscheidend einzugreifen.“
Im Grunde könnte das auch ein Pitch für einen japanischen Horrorfilm sein.

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2 Gedanken zu “Der Pfarrer von Tours, Teil I

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