Honorine, Teil III

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Es ist vollbracht, die Szenen aus dem Privatleben, ein gutes Viertel des Gesamtwerkes, sind gelesen, und es hat nur schlappe 83 Tage gedauert. Am unterhaltsamsten dabei die Erkenntnis, dass Balzac ohne mit der Wimper zu zucken Meisterwerke neben Groschenromane stellt, derweil sich in diesem Qualitätsgefälle dieselben Figuren tummeln. Natürlich sind einige der Groschenromane nicht allzu unterhaltsam, auch Honorine muss nach einem eigentlich starken Anfang dazu gerechnet werden.
Gut möglich, dass der Meister satirisch unterwegs ist, wenn er Plots à la Verbotene Liebe droppt. Aber wie schon einmal erwähnt, sieht man Satire kritisch, wenn man dafür leiden muss. Es ist wie bei Fassbinders Warum läuft Herr R. Amok?. Man kann das natürlich schauen, aber es fühlt sich an, als würde man in den neunzig Minuten selbst eine ganze Spießer-Existenz durchleben.

TOP 3 MEISTERWERKE

Der Ehekontrakt (weil bitterböse und einfach zum Schießen)
Vater Goriot (trotz eklatanter Melodram-Peaks führt es viele der wichtigsten und besten Figuren ein, allen voran der unerreichte Jaques Collin alias Vautrin alias Todtäuscher. Zudem wohl das Hauptwerk der Szenen aus dem Privatleben)
Die Entmündigung

TOP 3 GROSCHENROMANE

Vendetta (siehe Beitrag)
Béatrix (kein Kommentar)
Die Grenadière (siehe Beitrag)

BAND 27: Honorine, S. 83 – 115

Honorine jammert Maurice die Ohren voll, dass sie niemals zu ihrem Mann zurückkehren kann. In ihrer Logik hat sie sich wegen ihres Ehebruchs für immer auf dem amourösen Sektor disqualifiziert. Eine Versöhnung mit dem Grafen würde ihr nur ihre eigene Niedertracht vor Augen führen: „Oh, an dem Tag, da ich in einer Falte der Stirn, in einem traurigen Blick, in einer kaum wahrnehmbaren Gebärde, einen wenn auch unbewußten Vorwurf fühlen würde, an dem Tag würde nichts mich zurückhalten. Ich würde mit zerschmettertem Schädel auf dem Pflaster liegen, das mir milder erschiene als mein Mann.“
Sie bevorzugt ihr stilles, freies Dasein als Blumenbastlerin, wobei sie wieder mal außer acht lässt, dass sie auch das nur den finanziellen Zuwendungen und der Liebe Octaves zu verdanken hat.

Maurice, der sich natürlich prompt in diese verwöhnte Königin des Selbstmitleids verliebt, vermittelt weiter. Es gibt einen Briefwechsel, in dem der Graf seiner Gattin schwört, dass er in ihr keine Geliebte sieht, „sondern eine Schwester, die mir gestatten wird, auf ihre Stirn den Kuß zu hauchen, den ein Vater seiner Tochter gibt, die er täglich segnet.“ Als sie ihn dann erhört, macht seine Vaterliebe ihr nonchalant ein Kind, was an ihrer zarten Seele solchen Schaden anrichtet, dass sie ihrem Ende entgegen siecht: „Den Ärzten, die um mein Geheimnis wissen, habe ich gesagt: Sorgen Sie dafür, daß ich auf eine glaubhafte Weise sterbe, andernfalls würde ich meinen Mann mit ins Grab nehmen. Zwischen den Ärzten Desplein, Bianchon und mir ist also verabredet worden, daß ich an der Erweichung, ich weiß nicht welchen Knochens, sterben soll. Die Wissenschaft wird das schon genauer beschreiben.“
Gehirn, möchte man sagen. The Knochen, you’re talking about, is called Gehirn.

Kurz und gut, Honorine stirbt, den Grafen zerlegt es, Maurice trauert für immer seiner unerhörten Liebe nach. Man war ja bislang aus Gründen der Originalität eher auf der Seite der Aristos, doch bei diesen öden Jammerlappen möchte man ganz hemdsärmelig urteilen: Ein paar Monate am Fließband einer Konservenfabrik hätte ihnen sicher mal gut getan.

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2 Gedanken zu “Honorine, Teil III

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