Beatrix, Teil I

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BAND 26: Beatrix, S. 1 – 40

Der letzte verbliebene Roman der Szenen aus dem Privatleben spielt in der Bretagne, im kleinen Städtchen Guérande: „Am äußersten Ende des Erdteils gelegen, führt Guérande nirgendhin, und niemand sucht es auf. (…) Es hat ein Dasein ohne Leben und keinen andern Daseinsgrund als den, daß es nicht zerstört wurde.“ Hier herrscht die uralte Familie du Guénic, das Oberhaupt, der Baron Gaudebert-Calyste-Charles du Guénic ist ein bedingungslos königstreuer Haudegen, der sich sogar gegen Napoleon gestellt hat. Auch seinem Sohn Calyste junior bringt er das Kriegshandwerk bei, das einzig ehrenhafte Handwerk für einen Edelmann. „Religion, Gesinnungen waren ihm sozusagen angeboren, was ihn des Nachdenkens drüber enthob. (…) Kirche und Staat dachten für ihn. Er und die Seinigen durften demnach den Geist für die Tat aufsparen und brauchten ihn nicht auf Dinge abzulenken, womit sich andere befaßten und die als unnütz erkannt worden waren.“
Selten hat man eine schönere Umschreibung dafür gelesen, dass jemand dumm wie Bohnenstroh ist.

Zu Beginn der Handlung sitzt der Alte schlummernd im Lehnstuhl, neben ihm seine junge, irische Gattin Fanny, ein heißer Feger, wenn man dem Autor Glauben schenken darf: „In dem hochgeschlossenen schwarzen Samtkleid kam der Umriß ihrer Schultern und der vollen Büste, die das Nähren des einzigen Kindes nicht zu entstellen vermocht hatte, prächtig zur Geltung. (…) Es lag ihr daran, den Greis zu erfreuen – welch reizende Aufmerksamkeit!“
Lange Beschreibungen des Hauses, der beiden Diener und des eintretenden Abbé Grimont füllen etliche Seiten. Man spricht über das in der ganzen Stadt verbreitete Gerücht, dass der junge Calyste in Fräulein des Touches verliebt ist, was der alte Baron gelassen kommentiert: „Ein junger Mann, der so aussieht wie Calyste, tut nur seine Pflicht, wenn er sich lieben läßt“.

Beste Figur:

Der zweite Schlottergreis im Haus, die Schwester des Barons, genannt Fräulein Zéphirine: „Die bleichen, hohlen Wangen, die tiefen rötlichblau umringten Augenhöhlen mit den starren, blicklosen Augen liehen dem Antlitz etwas Leichenhaftes. Zwischen den blutleeren Lippen drangen, fast drohend, drei oder vier Zähne hervor, während um Kinn und Mund einige, längst weißgewordene Barthaare sproßten. (…) Immer umspielte das Antlitz der Blinden ein frohes Lächeln“.

Beste Stelle:

Die Beschreibung des Familienwappens der du Guénic. Man hat soviel Freude daran, dass man vielleicht auch heraldische Werke lesen sollte, wie die adligen Sprösslinge: „Eine naturgetreue, hermelinverbrämte Hand, mit einem abwärts gerichteten, silbernen Schwert, das den roten Wappenschild in zwei Hälften teilt. Darunter, als Devise des von einer Freiherrnkrone überragten Wappens das schöne, erhabene Wort: ‚Schaffe!’“

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2 Gedanken zu “Beatrix, Teil I

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