Eine Evatochter, Teil VI

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BAND 25: Eine Evatochter, S. 131 – 170

Händeringend versucht Marie Angelika 40.000 Francs aufzutreiben, um ihrem Märchenprinzen aus der Patsche zu helfen. Natürlich kann sie schlecht Felix darum anpumpen, weder ihr Vater, noch ihre grässliche Mutter sind eine Option: „Die Gräfin Granville schließlich lebte zurückgezogen in der Normandie auf einem ihrer Güter, sparte und betete und beschloß ihre Tage zwischen Priestern und Geldsäcken, kalt bis zum letzten Augenblick.“
In ihrer Not fragt sie ihre kleine Schwestern Eugenie um Rat, womit wir wieder am Anfang der Erzählung sind. Die schafft es mithilfe von Delphine de Nucingen den Kies aufzutreiben und Nathan aus den Fängen du Tillets zu befreien. Der wiederum ist darüber not amused und ahnt, dass seine Frau Eugenie die Finger im Spiel hatte. Er stellt sie brüsk zur Rede, nach seiner bewährten Chauvi-Art, nur um festzustellen, dass die Tage seines Terrorregimes gezählt sind: „,Was bedeutet das?‘ fragte er. ,Daß ich kein kleines Kind mehr bin, dem Sie Angst machen können!‘ erwiderte sie. ,Ich bin gegen Sie eine treue und gute Frau und werde es zeitlebens sein. Sie können mein Herr sein, wenn Sie wollen, aber ein Tyrann – nein!’“

Man kann förmlich hören, wie sie türenknallend nach draußen stürmt. Und sie ist noch lange nicht fertig. Um ihre Schwester vor einer Blamage mit dem Dichter-Kretin zu bewahren, weiht sie Felix in alles ein. Als echter Staatsmann übernimmt er nun das Ruder und räumt hinter seiner umtriebigen Gattin auf, erfährt auch von Nathans Affäre mit der Schauspielerin Florine: „Sie betet Nathan an; er ist ihr ein und alles. Sie hängt an ihm, wie das Fleisch an den Knochen, die Löwin an ihren Jungen.“
Marie, die sich selbst allein im Fokus von Nathans Liebe wähnt, fällt aus allen Wolken, als sie davon erfährt. Zumal es ausgerechnet ihr Ehemann ist, der sie darüber aufklärt. Doch als vollendeter Gentleman kann er sogar diese Situation mit Taktgefühl lösen: „Blicke nicht nieder, demütige dich nicht. Du warst ein Opfer der schönsten Gefühle. Du hast mit der Poesie geliebäugelt, nicht mit einem Manne. Alle Frauen, alle, verstehst du, Marie, wären an deiner Stelle verführt worden. Wir Männer, die wir in zwanzig Jahren tausend Torheiten begangen haben, wären recht töricht, zu verlangen, daß ihr kein einziges Mal in eurem Leben unvernünftig seid! Gott behüte mich, über dich zu triumphieren, oder dich mit einem Mitleid zu demütigen“.

Eine solche Gelassenheit müsste man sich mal zulegen. Auch Marie erkennt endlich, was sie an ihrem Mann für ein Prachtkerlchen hat. Gemeinsam mit ihm schafft sie es, ihre kompromittierenden Liebesbriefe von Nathan zurückzuholen. Der bloßgestellte Dichter liebäugelt nochmal mit dem Freitod, merkt jedoch selbst, wie schäbig der Move beim zweiten Mal wäre: „Ein verfehlter Selbstmord ist ebenso lächerlich wie ein Zweikampf ohne Schramme.“
Er schwört seinen hochtrabenden Idealen ab und bringt seine Schäfchen ins Trockene, wie all die anderen Opportunisten vor ihm: „Heute hat dieser Streber, der so reich an Tinte und so arm an Willen ist, kapituliert und sich wie ein Durchschnittsmensch ein bequemes Pöstchen verschafft. Nachdem er alle zerstörenden Tendenzen unterstützt hat, lebt er friedlich im Schatten eines ministeriellen Blättchens. Das Kreuz der Ehrenlegion, über das er so oft hergezogen ist, ziert sein Knopfloch.“

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2 Gedanken zu “Eine Evatochter, Teil VI

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