Die Messe des Gottlosen

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BAND 22: Die Messe des Gottlosen

Und wieder taucht eine Figur auf, die bereits in mehreren Bänden mitgemischt hat, ohne hier ausdrücklich erwähnt zu werden: Horace Bianchon, einer der besten Ärzte von Paris. Er war Rastignacs Mitbewohner in Mama Vauquers Pension (Père Goriot), und letztendlich auch derjenige, der die Denunziation von Vautrin alias Todtäuscher aufgedeckt hat. Außerdem ist er der Lieblingsschüler des Meisterchirurgen Desplein, von dem die vorliegende Geschichte handelt.
Schon nach den ersten Beschreibungen muss man an das zynische Genie Dr. House denken. Genau wie der Serienstar wittert Desplein die Ursache jeder Krankheit, operiert nach Instinkt, ist mehr an den Fällen als an den Patienten interessiert: „Zu tief verachtete er die Menschen, denn er kannte sie vom Scheitel bis zur Sohle, er hatte sie dann gesehn, wenn sie sich nicht verstellen konnten, in den feierlichsten und niedrigsten Augenblicken ihres Daseins.“

Eine weitere Parallele ist die Unbestechlichkeit, mit der Desplein nur an das Greifbare glaubt: „Sein reiner, offener Atheismus war der gleiche Unglauben wie bei tausend Gelehrten, wie bei den Spitzen der Gesellschaft; gottlos war er bis zur sichersten Gewißheit, gottlos bis zu einem Grade, den gläubige Menschen nie verstehen werden.“
Umso verwunderter muss sein Schüler und Vertrauter Bianchon reagieren, als er den Alten in der Kirche erwischt, wie er andächtig eine Messe hört und vor dem Bild der Mutter Gottes kniet. Dazu kommt die merkwürdige Zuneigung, die Desplein für arme Wasserträger aus der Auvergne hegt. Bianchon zuckt vorerst die Schultern über seinen exzentrischen Meister. Erst als er erfährt, dass dieser schon seit langem viermal pro Jahr zur Messe geht und diese auch selbst gestiftet hat, geht die Neugier mit ihm durch. Er stellt ihn zur Rede, „diesen prinzipienfesten Atheisten, der kein Mitleid mit Engeln kannte, es sei denn, es wäre ihnen mit Messern und Sägen beizukommen und sie hätten ihre Fisteln und Entzündungen wie alles andere Gewürm“.

Desplein erzählt ihm daraufhin, wie er sich vor Jahrzehnten als völlig mittelloser Student in Paris herumgetrieben hat, zu arm, um seine Prüfungen abzulegen. Er lernt den Wasserträger Bourgeat aus der Auvergne kennen, zieht mit ihm in eine billige Absteige. Bourgeat ist ein einfaches Gemüt und fromm wie ein Kind. „Dieser Mensch hatte einen Köhlerglauben, er liebte die heilige Jungfrau, Mutter Gottes, wie er sein eigen Weib geliebt hätte.“ Sein ganzes Leben lang spart er schon auf ein Pferd und eine Wassertonne, auf dass er die schweren Wassereimer nicht mehr zu Fuß durch Paris schleppen muss.
Statt sich seinen Traum zu erfüllen, gibt er das Geld nun Desplein, damit der seine Prüfungen machen kann. Natürlich zahlt dieser später alles zurück, kauft Bourgeat Pferd und Tonne, pflegt ihn liebevoll, als er Alter und Krankheit erliegt. Doch Despleins Dankbarkeit ist damit nicht erschöpft, er will seinem Wohltätet auch nach dem Tod dienen. Deshalb stiftet er ihm zuliebe die Messe in der Kirche Saint-Sulpice: „Da dies die einzige Form ist, in der ich Bourgeat etwas geben kann, nämlich die, seinen frommen Gelübden Genüge zu tun, so gehe ich zu Beginn der vier Jahreszeiten in seinem Namen ins Gotteshaus, spreche für ihn die Gebete, die man verrichten muß.“
Und auch dieses rührende Ende erinnert wieder an Gregory House, der ja unter seiner rauen Schale letztendlich nur den Romantiker verbirgt.

Beste Stelle:

Wenn Desplein seinen Schüler auf die Zukunft einschwört, auf den Kampf gegen das Mittelmaß. Eine Tirade, die jeder mögen wird, dem von seinem Umfeld schon mal Arroganz vorgeworfen wurde: „Sie haben so viel Talent, mein liebes Kind, nur zu bald werden Sie mitten in dem furchtbaren Kampfe stehen, er endet nie, denn immer ist die Mittelmäßigkeit der Feind des Genies. (…) Klagen Sie über Kopfschmerzen, und man sagt, Sie leiden an Gehirnerweichung. Gestatten Sie sich ein schnelles Wort, und man sagt, Sie seien der ärgste Störenfried und Nörgler. Wenn Sie gegen dies Heer von Zwergen Ihre Kräfte sammeln, dann schreien Ihre liebsten Freunde: Seht nur, wie er alles verschlingen will, er hat den Größenwahn, zu herrschen und alles unter seine Ferse zu treten. Was an Ihnen gut ist, wird Ihnen als Fehler angerechnet, Ihre Schwächen werden Laster genannt, Ihr Gutes heißt Verbrechen.“

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2 Gedanken zu “Die Messe des Gottlosen

  1. Pingback: Die Verlassene, Teil II | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Die Entmündigung, Teil I | CLINT LUKAS

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