Modeste Mignon, Teil III

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Noch vier Tage, bis ich nach Paris fliege. Die Vorfreude wächst, auch wenn man bei der Einreise inzwischen eine eidesstattliche Erklärung abgeben muss, keine Erkältungssymptome zu haben. Das letzte Mal war ich dort vor dreieinhalb Jahren, nach einer kleinen Rundreise über London. Ich wusste nicht mehr, was mich erwartet, weil ich Paris davor zuletzt als Kind gesehen hatte. Doch bereits eine Stunde nach meiner Ankunft, als ich mit einem eiskalten Heineken auf den Stufen vor Sacre Coeur saß, wusste ich, dass ich mir London hätte sparen können.
Allein der Weg von meiner Unterkunft nach Montmartre: Jede Kneipe, jedes Restaurant war zum Brechen voll, die Leute saßen überall auf der Straße und tranken. Aber nicht wie die geizigen Berliner Bauerntrampel vorm Späti, sondern an kleinen Tischen, die sie sich rausgestellt hatten, mit Tischtüchern und Gläsern und Wein.

Damals kannte ich weder Proust, noch Balzac. Ich durchwanderte die Stadt deshalb auf den Spuren von Hemingway, hauptsächlich denen, die er in Fiesta, bzw. The sun also rises gelegt hat. Ich spazierte durch Montparnasse, hing im Jardin de Luxembourg auf einer Bank herum, trank in der Closerie des Lilas den ersten Pernod des Tages. Und auch hier eine Eigenheit, die mich schnell für Paris einnahm: Egal ob in einer Arbeiterkneipe oder einem hochpreisigen Laden wie der Closerie war das erste Glas Pernod immer penibel bis zum 4cl-Strich gefüllt. Doch ab dem zweiten wurde großzügig bis verschwenderisch nachgeschenkt. Einmal ließ der Kellner einfach die Flasche auf meinem Tisch stehen, brachte mir in gebotenen Abständen Eis und berechnete einen viel zu niedrigen Preis. Wer den Genuss respektiert, hat meine Liebe.

Aber was war Hemingway doch für ein Aufschneider. Seine Erklärbär-Masche ist ja ohnehin unerträglich. Als wäre er der erste Mensch auf der Welt gewesen, der Paris und Venedig besucht hätte. Jedenfalls gibt es in Fiesta diese lange Kutschenszene. Jake und Brett steigen in der Closerie ein und sagen dem Fahrer, er soll sie ins Le Select bringen. Sie sind daraufhin etliche Seiten lang unterwegs, eine richtige Stadtrundfahrt, lange genug für ein tiefsinniges Gespräch und den Austausch von Zärtlichkeiten.
Zu Fuß braucht man von der Closerie zum Select weniger als zwei Minuten.

BAND 5, Modeste Mignon, S. 102 – 141

Ohne sich groß um die Form zu scheren, schwenkt Balzac wieder für über dreißig Seiten in den Briefroman um. Modeste und Ernest schaukeln sich in ihren Gefühlen gegenseitig hoch, doch merkt der vermeintliche Dichter zurecht an, dass ihre Liebe substanzlos bleiben muss, solange sie nur auf dem Papier stattfindet. Und dass Modeste, irgendwann der Schwärmerei überdrüssig, sich für einen anderen Mann entscheiden wird: „Ein junges Mädchen aus Deutschland (…) hat in der Trunkenheit ihrer zwanzig Jahre Goethe angebetet; sie hat aus ihm ihren Freund, ihre Religion, ihren Gott gemacht, obgleich sie wußte, daß er verheiratet war. (…) Aber was ist geschehen? Diese Schwärmerin hat am Ende einen Deutschen geheiratet, der jünger und schöner war als Goethe.“
Wenn man bedenkt, dass er sich für einen anderen ausgibt, lehnt sich der Gute ziemlich weit aus dem Fenster. Modeste versichert ihm, dass ihre Treue allumfassend ist: „Wäre ich Bettina gewesen, denn ich weiß, auf wen Sie anspielen, so wäre ich nie Frau von Arnim geworden; und wenn ich eine von den Frauen von Lord Byron gewesen wäre, so wäre ich zu dieser Stunde in einem Kloster.“

Schließlich vereinbaren die beiden ein geheimes Treffen. Ernest soll am Sonntag zur Messe in Le Havre kommen und eine weiße Blume im Knopfloch tragen, sodass Modeste ihn auch einmal sehen und bewundern kann. Derweil erhält Dumay, der zähe Hüter ihrer Unschuld, einen Brief des lange verschollenen Vaters Mignon. Er hat im Opiumhandel sieben Millionen Francs gemacht und ist bereits auf dem Rückweg, um triumphal in Marseille einzulaufen. Und nachdem er das Versprechen, wieder reich zu werden, eingelöst hat, richtet sich seine ganze Energie auf seine Töchter: „Meine wichtigste Aufgabe wird es sein, den von meinen Schwiegersöhnen zu suchen, der sich würdig zeigt, meinen Namen, mein Wappen, meinen Titel zu erben und mit uns zu leben;“
Das stolze Familienoberhaupt weiß noch nichts vom Tod seiner Ältesten und davon, dass Modeste sein einzig verbliebenes Kind ist. Umso größer sind die Sorgen seines treuen Gefährten Dumay und dem Rest der Familie: „…sie begriffen alle in diesem Augenblicke, daß der Oberst aus Kummer über Bettinens Tod und die Erblindung seiner Frau sterben würde, wenn er nicht wenigstens Modeste in völliger Unschuld vorfände.“

Dass diese großherzigen Leute auch immer gleich wie die Fliegen sterben müssen, wenn mal nicht alles rund läuft. Auf jeden Fall droht nun wieder alles gleichzeitig zu passieren und man ist gespannt, wie das Treffen zwischen Modeste und Ernest ablaufen wird.

Beste Stelle:

Wenn Modeste in Reaktion auf Ernests Behauptung, Künstler seien Egoisten, aufschreit: „Weder Lord Byron, noch Walter Scott, noch Cuvier, noch der Erfinder überhaupt gehören sich selbst, sie sind die Sklaven ihrer Idee. Und diese geheimnisvolle Macht ist eifersüchtiger als eine Frau, sie saugt sie auf, sie gibt ihnen Leben und Tod zu ihrem Nutzen. Die sichtbaren Äußerungen dieser verborgenen Existenz gleichen im Ergebnis dem Egoismus; aber wie kann man zu behaupten wagen, daß der Mann, der sich zur Freude, zur Belehrung, zur Größe seines Zeitalters verkauft hat, Egoist sei?“

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2 Gedanken zu “Modeste Mignon, Teil III

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