Modeste Mignon, Teil IV

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BAND 5, Modeste Mignon, S. 142 – 201

Ernest kommt wie verabredet nach Le Havre und wartet am Eingang der Kirche auf seine Brieffreundin. Er hat sich bis zum geht nicht mehr aufgetakelt und ärgert sich gleichzeitig darüber, „daß ihn die Frauen in die Art der düsteren Schönheiten einreihten, eine Art, die schon in der gleichen Zeit aus der Mode kam, in der jeder sie zuerst entdeckt und ausposaunt haben wollte.“
Vergeblich hält er nach Modeste Ausschau, weil die sich unter einem alten Hut mit Schleier und mehreren Röcken verbirgt. Am Zittern ihrer Hand erkennt er jedoch, dass es sich um sie handeln muss. Er kehrt nach Paris zurück.

Nun wird es wieder kompliziert. Modeste erklärt Ernest in einem Brief ihre Liebe und enthüllt ihre ganze Identität. Sie bittet ihn, bei ihrem gerade in Marseille angekommenen Vater um ihre Hand anzuhalten. Statt einer Antwort erhält sie den zeitgleich von Ernest geschriebenen Brief, in dem er sich outet, nicht der zu sein, für den sie ihn hält. Vollkommen aufgelöst gesteht Modeste ihrer Mutter, was sie getan hat und verfällt in den obligatorischen Schüttelfrost.
Währenddessen fährt ihr Wachhund Dumay auf einen Verdacht hin nach Paris, um Canalis zur Rede zu stellen. Er ist auf hundertachtzig und zu allem bereit, denn er stellt sich „einen Dichter als einen belanglosen Kauz vor, als einen Coupletsänger, der in einer Mansarde wohnt, einen schwarzen, an allen Nähten abgewetzten Rock und eine namenlose Wäsche auf dem Leib trägt, dessen Finger mehr mit Tinte als mit Seife in Berührung kommen, kurz, als einen Mann, der die Nase mit den Fingern reinigt und immer aussieht, als fiele er aus dem Monde, wenn er nicht gerade Papier vollkritzelt“.

Wo man sich als Schriftsteller der Gegenwart mehrfach ertappt fühlt, kann Canalis den guten Dumay nur in Erstaunen versetzen. Immerhin ist er Baron und Vortragender Rat im Staatsrat, hat Kutsche und Diener und Geschenke von Prinzessinnen auf seinem Kaminsims. Auf den Vorwurf, Modeste verführt zu haben, reagiert er sarkastisch, denn natürlich kann er sich längst nicht mehr an ihren ersten Groupie-Brief erinnern. Außerdem hat er es nicht nötig, den Avancen von Landpomeranzen nachzugeben: „Aber, mein Herr, ich bin nicht mehr jung genug, um meine Freude daraus zu haben, eine kleine, wildwachsende Frucht zu stehlen, während ich schöne und gute Gärten habe, in denen die herrlichsten Pfirsiche der Welt reifen.“

Kurz nachdem Dumay tatenlos abgezogen ist, trifft Ernest ein und beichtet Canalis seine Täuschung. Zeitgleich trifft Dumay auf den gerade eingetroffenen Charles Mignon, Graf de la Bastie und berichtet. Gerade als das Personal wieder mit gebrochenen Herzen niederzusinken droht, kommt zum Glück auch Ernest dazu und klärt alles auf. Modestes Vater, gerade noch dem Nervenzusammenbruch nahe wegen der Horrornachrichten bezüglich seiner Frau und der toten Tochter, beschließt feixend, die arme Modeste auf die Probe zu stellen: „Muß ich, der Vater, ihr nicht selbst die Möglichkeit geben, zwischen der Berühmtheit, die wie ein Leuchtfeuer für sie war, und der armen Wirklichkeit zu wählen, die ihr der Zufall in einer seiner spöttischen Launen zuwirft? Muß sie nicht die Möglichkeit haben, sich zwischen Canalis und Ihnen zu entscheiden?“
Er lädt die beiden Herren nach Le Havre ein, damit Modeste ihre Suppe selbst auslöffeln kann.

Beste Stellen:

Wenn Modeste sich dem Geliebten zu erkennen gibt, indem sie ihr Familienwappen enthüllt: „Wir führen einen schwarzen Balken mit vier goldenen Münzen darauf im roten Felde und an jeder Ecke ein goldenes Bischofskreuz mit einem Kardinalshut als Helmzier und die Fiocchi als Schildhalter.“
Ahhh, Mensch, sag das doch gleich!

Wenn Canalis dem armen Dumay verdeutlicht, wie vollkommen wurscht ihm Modestes Schicksal ist: „In diesem Augenblick bricht in China dem wichtigsten Mandarin das Auge und versetzt das Reich in Trauer!… Macht das Ihnen großen Kummer? Die Engländer töten in Indien Tausende von Menschen, die ebensoviel wert sind wie wir. Ja, man verbrennt im Augenblick, wo ich mit Ihnen spreche, dort die hinreißendste Frau; aber haben Sie deswegen eine Tasse Kaffee weniger zum Frühstück getrunken?“

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2 Gedanken zu “Modeste Mignon, Teil IV

  1. Pingback: Modeste Mignon, Teil III | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Modeste Mignon, Teil V | CLINT LUKAS

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