Eine Stunde Balzac

Als junges Ding hat man viel gelesen. Hauptsächlich Bücher, die man nicht verstand. Man hat sich durch Sachen von Platon und Aristoteles gequält, durch den Faust, durch den Freud. Eben durch alles, von dem man als Teenager sagen wollte, man hätte es schon gelesen.
Irgendwann kamen die Existentialisten dran. Da gab es wenigstens Plots, denen man folgen konnte. Natürlich nicht immer. Man erinnert sich an „Der Idiot der Familie“ von Sartre, ein sterbenslangweiliger 3000-Seiten-Essay über Gustave Flaubert. Man war gerade nach Berlin gezogen, um den Zivildienst zu machen. Der Weg zur Arbeit – zwölf Stationen U8 von Bernauer Straße bis Hermannstraße – reichte immer genau für zehn Seiten.
Es gab auch eine Zeit, in der man so gut wie gar nicht las. Beziehungsweise nur Bukowski und Raymond Chandler, die man bald auswendig kannte. Manchmal ist man eben nicht offen für neuen input, vor allem als Schriftsteller, sondern muss versuchen seine eigene Stimme zu finden.

Seit Beginn der Pandemie liest man nur noch lange Bücher. Musil, Dostojewski, zuletzt „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Fast 4.000 Seiten, für die man etwa fünf Monate brauchte. Manchmal war man genervt davon. Wenn Proust über vierzig Seiten einen Weißdornbusch beschrieb, wollte man zu Asche zerfallen. Die meisten geben in solchen Momenten vernünftigerweise auf. Das ist verständlich, aber auch ungerecht. Immerhin war jemand so ausdauernd, dieses Monstrum zu schreiben. Da sollte es doch nicht zu viel verlangt sein, es wenigstens einmal zu lesen.
Wenn man sich einem derart langen Buch widmet, entsteht automatisch eine Verbindung. Die Figuren werden zu Bekannten, denen man täglich begegnet, über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg. Jeder kennt den Trennungsschmerz, der einen nach Beendigung eines langen Buches befällt. Nachdem man mit Proust fertig ist, stürzt man in ein tiefes Loch. Man ist froh, endlich durch zu sein, und überlegt gleichzeitig wieder von vorn anzufangen.

In dieser Situation entdeckte man Jochen Schmidts Text „Schmidt liest Proust“. Ursprünglich ein Blog, in dem er einen an seiner täglichen Lektüre von 20 Seiten „Recherche“ teilhaben lässt. Ein sperriges Thema für jeden, der nichts mit der Materie zu tun hat. Ein wohltuender Balsam für diejenigen, die unter akutem Proust-Entzug leiden.
Es wurde einem schnell klar: So etwas will man auch machen. Nicht nur, um die innere Leere mit einem neuen Projekt zu füllen, sondern vor allem, um das andere Textmonstrum anzugehen, das sich vor dem ehrgeizigen Leser auftürmt: „Die Menschliche Komödie“ von Honoré de Balzac.

Sie besteht aus 23 Romanen und 68 Erzählungen, die zum Teil auch Romanlänge haben. Geplant waren 137 Bände, von denen Balzac „nur“ 91 vollendet hat. Sein Arbeitsrhythmus: Schlafen von acht Uhr abends bis Mitternacht, danach sechzehn, siebzehn Stunden lang arbeiten, Abendessen, dann wieder alles von vorn. Und das über zwanzig Jahre hinweg. Wenn ihn die Druckfahnen seiner Bücher erreichten, strich er alles zusammen, schrieb um, schrieb neu, schickte diese Zeugnisse seiner Arbeitswut wieder zurück.
In seiner Balzac-Biographie schreibt Stefan Zweig: In den Redaktionen, in den Druckereien drängt sich immer alles lachend zusammen, wenn eine solche Klecksographie anlangt. »Unmöglich«, erklären die geschultesten Setzer, und obwohl man ihnen doppelte Bezahlung bietet, weigern sie sich, mehr als »und heure de Balzac« [eine Stunde Balzac] pro Tag zu machen.

Eine Stunde Balzac pro Tag. Man denkt, das dürfte einem als Pensum auch erstmal reichen. Die Diogenes-Ausgabe der „Comédie humaine“ umfasst 16.522 Seiten. Kleine Seiten, etwa im Reclam-Format. In einer Stunde müssten davon 50-60 zu schaffen sein. Man hat also etwa 300 Tage Balzac vor sich. Morgen geht’s los.

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Ein Gedanke zu “Eine Stunde Balzac

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