Die kleinen Nöte des Ehelebens, Teil I

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Es ist soweit. Man beginnt den letzten Band, der mit knapp 180 Seiten nicht mal besonders lang ist. Thematisch bleibt es nah an der Physiologie der Ehe, allerdings gehörte dieser Band erstmal nicht zur Comédie. Erst aufgrund einer Nachlassnotiz des Meisters wurde er posthum in den Kanon aufgenommen. Ganz so misogyn wie befürchtet war die Physiologie ja am Schluss gar nicht. Vielleicht kann Balzac sein Versprechen nun einlösen. Man fühlt sich jedenfalls, als stünde man am Ende von etwas Großem. Was nach 350 Tagen und 17.000 Seiten Lektüre nicht überraschend ist.

BAND 89: Die kleinen Nöte des Ehelebens, S. 1 – 54

Wo der letzte Band sich hauptsächlich damit beschäftigt, wie es in der Ehe zur Untreue kommt und wie man damit umgeht, beschreibt Balzac hier anekdotenhaft alle anderen Scharmützel, auf die man sich in der Ehe gefasst machen darf. Anhand der exemplarischen Hauptfiguren Adolphe und Caroline erlebt man die feinen Alltagssituationen, die man selbst aus der ein oder anderen Beziehung kennen dürfte. Zum Beispiel die Ausfahrt zu einer Sommerfrische, bei der auch die lieben Kleinen, sowie die Schwiegermutter zugegen sind. Adolphe wäre lieber zuhause geblieben, aber am Ende ist er schuld daran, dass es nicht wieder schnell genug nach Hause geht.
Oder die Bälle, all diese schrecklichen Bälle! Vorher ist die Frau aufgekratzt, weil sie sich so darauf freut, und hinterher schmollt sie, weil die anderen Girls schönere Kleider anhatten. Schuldig daran ist natürlich der Gatte, und wenn er glaubt, nach so einer Nummer noch intim werden zu können, hat er sich gründlich geschnitten: „Ein Ehemann muss immer wissen, was eine Frau hat, denn sie weiß immer, was sie nicht hat. (…) Und wenn Sie die Tropensonne in Persien wären, wenn Sie auf dem Äquator herbeigeritten kämen, Sie würden die Gletscher dieser personifizierten kleinen Schweiz nicht zum Schmelzen bringen“.

Natürlich könnte man sich als männliche Hälfte von einem solchen Verhalten ungerecht behandelt fühlen. Allerdings gilt es, den eigenen Ärger herunterzuschlucken. Auf keinen Fall, auf gar keinen Fall darf man zurückschießen! Denn Sticheleien haben völlig unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem, von wem sie kommen: „Von seiten Carolines ist es ein reizender Scherz, eine Tändelei, um das Leben zu zweit heiterer zu gestalten, und vor allem entspringt es den reinsten Absichten: Von seiten Adolphes dagegen ist es eine karibische Grausamkeit, ein Verkennen des Herzens seiner Frau und ein vorbedachter Plan, ihr Kummer zu machen.“

Beste Stellen:

Ein Aphorismus, den so nur ein Mann hinschreiben kann. Eine bodenlose Frechheit ist das:
Die Frauen wissen ihre Erhabenheiten stets gut zu erklären; aber ihre Kleinlichkeiten lassen sie von uns Männern erraten.“

Der Gerechtigkeit halber noch ein Hieb gegen die andere Seite: „Väter sind samt und sonders Heuchler und wollen niemals zugeben, daß ihr Fleisch und Blut sie arg stört, wenn es auf seinen beiden Beinen umhertrappelt, auf alles und jedes seine kecken Hände legt und wie eine Kaulquappe im Haus umherzappelt.“

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2 Gedanken zu “Die kleinen Nöte des Ehelebens, Teil I

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