Das ungekannte Meisterwerk

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BAND 72: Das ungekannte Meisterwerk

Der junge Nicolas Poussin möchte Maler werden und sucht deshalb den Künstler Porbus auf, um von ihm zu lernen. Ein anderer Maler namens Meister Frenhofer erscheint und regt sich darüber auf, dass alle außer ihm schreckliche Stümper sind: „Aber, zum Teufel, um ein großer Dichter zu sein, genügt es nicht von Grund auf die Syntax zu kennen und keine Redefehler zu begehen! Betrachte Deine Heilige, Porbus! Beim ersten Anblick scheint sie bewunderungswürdig – aber beim zweiten merkt man: daß sie auf den Hintergrund der Leinewand geklebt ist, und daß man den Rundgang um ihren Körper nicht ausführen könnte.“
Angeblich hat er allein die Fähigkeit, diesen Effekt zu erzielen. In seinem Frauenporträt „Belle Noiseuse“, an dem er seit Jahren arbeitet, ist es ihm gelungen. Auf die verständliche Neugier seiner Kollegen reagiert er allerdings abweisend: „Aber das wäre ja eine fürchterliche Prostitution! Zehn Jahre sind es jetzt, daß ich mit dieser Frau lebe, mein ist sie, mir gehört sie allein; sie liebt mich, mir hat sie bei jedem Pinselstrich zugelächelt, den ich ihr gab.“
Schließlich schlägt Nicolas ihm einen Deal vor: Er will dem Alten seine schöne Freundin Gillette bringen, damit der sich an ihrem Körper satt sehen kann. Dafür dürfen er und Porbus einen Blick auf das ungekannte Meisterwerk werfen. Und genau so wird es gemacht. Während die arme Frau nackt und unbeachtet in der Ecke steht, enthüllt er die „Belle Noiseuse“ und es zeigt sich: Sie ist einfach nur eine sinnlose Anhäufung von Farbklecksen, man kann überhaupt nichts erkennen. Ist Meister Frenhofer verrückt? Oder sind es die beiden stümperhaften Betrachter?

Beste Stelle:

Meister Frenhofer bei der Arbeit: „Piff! paff! puff! So buttert man die Geschichte ein, mein Kleiner! – Kommt herbei, meine Strichelchen, und macht mir diese eiskalte Fläche warm! Los zum Teufel! Piff! paff! puff!“

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2 Gedanken zu “Das ungekannte Meisterwerk

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