Das Chagrinleder, Teil VII

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BAND 71: Das Chagrinleder, S. 325 – 397

Rafael hat Tuberkulose, es ist klar, dass er es nicht mehr lange machen wird. Nach altbewährter „Leaving Las Vegas“-Manier möchte Pauline mit ihm zusammen sterben und freut sich, dass die TB ansteckend ist. Rafael sieht die Sache nüchterner: „Solche Pläne macht man leicht, solange man gesund ist.“ Eine Schar von Ärzten belagert den Todkranken, kann jedoch nichts ausrichten. Rafael fährt deshalb zur Kur nach Aix, wo sich er aufgrund seiner vermeintlichen Arroganz nach kürzester Zeit unbeliebt macht. Ein Offizier teilt ihm das auf originelle Weise mit: „Mein Herr, ich habe mir vorgenommen, Sie auf eine Sache aufmerksam zu machen, die Sie nicht zu wissen scheinen: Ihr Gesicht und Ihre Person mißfallen hier allen Leuten und mir ganz besonders… Sie sind zu höflich, als daß Sie sich nicht dem allgemeinen Wohl opfern würden. Ich bitte Sie also, sich nicht mehr im Kurhause zu zeigen.“
Rafael investiert einen seiner letzten Wünsche, um den Vogel bei einem Duell abzuknallen. Anschließend schleppt er sich nach Paris zurück, wo Pauline ungeduldig auf ihn wartet. Er ahnt allerdings, dass ihre Anwesenheit seinen Tod bedeuten würde, lässt sich stattdessen von Bianchon so zudröhnen, dass er 23 Stunden am Tag schlafen kann: „Unter der Gewalt, die das Opium auf unsere Seele ausübt, sank dieser Mensch voll Phantasie und Tätigkeitstrieb bis in die Tiefe jener trägen Wesen hinab, die im Dunkel der Wälder verkommen, ohne selbst eine Bewegung zum Erraffen der leichtesten Beute zu tun.“ Klingt doch eigentlich ganz gut. Oblomov würde mit Kusshand einer solchen Medikation zustimmen.
Pauline, die immer noch nicht glaubt, dass die Krankheit ihres Liebsten etwas mit dem Chagrinleder zu tun hat, sucht ihn gegen seinen Willen auf. Er hält es nicht länger aus und investiert seinen vermutlich letzten Wunsch, um mit ihr der Wollust zu frönen. Leider fällt es ihr genau in dem Moment ein, sich selbst umzubringen, ein sehr schlechtes Timing: „Mit einer wunderbaren Kraft, die das letzte Aufflammen des Lebens war, schleuderte er die Türe zu Boden und stand vor seiner Geliebten, die sich halbnackt auf einem Sofa wand. Pauline hatte vergeblich versucht, sich die Brust zu zerfleischen, jetzt wollte sie sich mit ihrem Schal erwürgen und so einen raschen Tod finden.“ Am Ende kommt Rafael ihr zuvor und stirbt, während er sich in eben jener Brust verbeißt. Zerfleischung will eben geübt sein.
Alles in allem ein famoses Buch, das die bereits aufgestellte Top 10 nochmal durcheinander wirbeln wird. Außerdem ahnt man nun, wo Thomas Glavinic seine Idee für „Das Leben der Wünsche“ hergenommen hat.

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2 Gedanken zu “Das Chagrinleder, Teil VII

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