Die Bauern, Teil VIII

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Man nähert sich Tag 300 der Balzac-Lektüre und bemerkt dabei, dass man sich seit Beginn des Projektes gedanklich so sehr mit Geld beschäftigt, wie noch nie zuvor. Das liegt daran, dass das Hauptmotiv in der Comédie humaine nicht die Menschen sind, auch nicht die Auswirkung der Geschichte auf die französische Gesellschaft, sondern eben immer nur: Geld, Geld, Geld. Balzac klärt den Leser über die finanziellen Verhältnisse jeder einzelnen seiner Figuren auf. Darüber, wie sie versuchen zu Geld zu kommen, oder darüber, wie sie mit dem Erworbenen umgehen. Ständig geht es um Renten hier, Renten da.
Das ganze große Werk Glanz und Elend der Kurtisanen beispielsweise handelt im Grunde davon, wie Lucien de Rubempré ein Vermögen von einer Million Franc zusammenträgt, um damit soviel Land einkaufen zu können, dass dieses ihm eine Rente von 50.000 Francs einbringt. Inzwischen weiß man durch Die Bauern sogar, wie das vonstatten geht. Man hatte bisher angenommen, dass die Renten etwas ähnliches wie Zinsen bei einem Bankkonto sind. Im Falle des Landbesitzes kommt das Geld jedoch durch den Verkauf von Holz aus den eigenen Wäldern, durch die Ernte der angebauten Feldfrüchte, durch Verpachtung und so weiter. Ist das interessant? Um den Balzac-Kosmos zu verstehen durchaus.
Allerdings merkt man, wie einem diese ständigen monetären Betrachtungen an die Substanz gehen. Man möchte sie wieder aus dem eigenen System verbannen. Sicherlich spielen sie in der Comédie deshalb eine so große Rolle, weil Balzac zeit seines Lebens in Geldnot und auf der Flucht vor Gläubigern war. Wie man so schön sagt, ist Geld nur dann wirklich wichtig, wenn man zuviel oder zu wenig davon besitzt.
Genau aus diesem Grund hat man das eigene Leben so eingerichtet, dass man sich finanziell in der Mitte befindet. Man hat genug, aber nicht zuviel. Damit man sich keine Gedanken über diese unselige, jede Inspiration tötende Angelegenheit machen muss. Man sieht daher erleichtert dem Ende dieses Projekten entgegen. Man möchte sich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren und nicht am Ende noch auf eine so kranke Idee kommen, wie sich eine Eigentumswohnung kaufen zu wollen.

BAND 66: Die Bauern, S. 350 – 418

Rigou und seine kleinbürgerlichen Mitverschwörer fassen einen Plan, wie sie den General Montcornet ruinieren können: Sie wollen ihn zum bald stattfindenden Volksfest locken, ihn dort von einer jungen Frau verführen lassen und einen Eklat vom Zaun brechen.
Mehr geschieht nicht auf diesen siebzig Seiten. Balzac findet es wichtiger, jeden einzelnen Gast des Salons Soudry zu beschreiben, sowie die verschiedenen Locations, zum Beispiel so: „Um den Schauplatz richtig kennenzulernen, ist es nötig, sich über die Topographie dieses Festplatzes klar zu werden“. Es folgen seitenlange Details zu besagter Topographie, ohne dass erklärt wird, warum es so wichtig sein soll, den Schauplatz kennenzulernen. Nur zur Info: Der episch angelegte Roman hat nur noch weitere siebzig verbleibende Seiten. Wäre es da nicht angebrachter, die vielen Handlungsstränge zu lösen? Nein, Rigou und Soudry fahren lieber in die Stadt Ville-aux-Fayes, „die wohl interessant genug ist, um auch stark beschäftigten Leuten gegenüber eine Abschweifung gerechtfertigt erscheinen zu lassen.“
Ja, lieber Honoré, beschäftigt ist man wegen dir durchaus, aber schweife nur ab. Schweife nur ab.

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2 Gedanken zu “Die Bauern, Teil VIII

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