Die Kleinbürger, Teil IX

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Was das Schreiben betrifft, ist man sein eigener Chef. Als solcher ließ man die Zügel zuletzt ziemlich schleifen, verbrachte ganze Arbeitstage nichtstuend im Bierbrunnen, die Devise lautete: Laissez-faire. Damit ist nun Schluss, das tägliche Pensum von zwei Ratgeber-Seiten wurde mit Beginn der Woche auf vier Seiten erhöht, um die Deadline am 1. November zu schaffen. Die Stimmung im Ein-Personen-Betrieb ist seither gedämpft, aber als Chef muss man auch mal durchgreifen können.
Deshalb schnell den Balzac aus dem Weg geschafft, dann weiter im Text. Heutiges Thema im Ratgeber: Einschlafbegleitung. Ein ganz heißes Eisen, kniffliger noch als die wesensverwandte Sterbebegleitung.

BAND 52: Die Kleinbürger, S. 405 – 450

Es kommt zum nächsten unerwarteten Plot-Twist. Eigentlich logisch, wie soll man auch sonst eine derart dünne Handlung auf 800 Seiten aufblasen? An sich freut man sich über diese Wendungen, obwohl sie natürlich an die einschlägigen Seifenopern erinnern, in der früher oder später alle Figuren miteinander ins Bett steigen, um das Publikum bei der Stange zu halten.
Gerade noch seine Todfeindin, sagt die Gräfin von Godollo dem verwirrten Theodosius nun plötzlich ihre Unterstützung zu. Mehr noch, sie flirtet auch ziemlich offen mit ihm und lässt durchblicken, was sie von ihren bürgerlichen Schützlingen Celeste und Felix eigentlich hält: „Der richtige Mann für sie, das ist der kleine blonde, ängstliche junge Mensch, der ebenso fade wie sie ist. Bei dem Zusammenleben dieser beiden Wesen ohne Lebendigkeit und ohne Glut wird jene Lauheit zu zweien entstehen, die nach der Meinung der Welt, in der sie geboren ist und in der sie gelebt hat, das ,non plus ultra‘ der ehelichen Glückseligkeit darstellt.“

Theodosius traut den Avancen der verwegenen Gräfin zwar noch nicht (womit er den Stolz der Ungarin ziemlich beleidigt), will sich aber seine Möglichkeiten soweit offen halten, dass er sein Ultimatum bei Thuillier aufhebt. Klar, warum nicht, sind ja auch noch 300 Seiten bis zum Schluss. Er hilft bei der Fertigstellung der wissenschaftlichen Abhandlung, die ein großer Erfolg zu werden verspricht. Zumindest laut dem Verleger: „Die Annoncen dienen nur dazu, die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen; es sagt sich: ,Das muß eine interessante Publikation sein. Über Steuern und Amortisation, ein hübscher Titel!‘ Aber je anreizender der Titel ist, um so mißtrauischer ist man; man ist zu oft reingefallen! Man wartet also die Besprechungen ab;“
Statt Lorbeeren kriegt der schöne Thuillier jedoch eine Vorladung zum Staatsanwalt, angeblich weil sein Buch zum Aufstand gegen die Regierung aufruft. Das muss man erstmal hinkriegen mit einem Text, der „Über Steuern und Amortisation“ heißt. Auch das Kreuz der Ehrenlegion wird Thuillier verweigert. Theodosius ist klar, dass eine unbekannte Macht gegen ihn arbeitet. Man wittert schon den Geheimbullen Corentin hinter den Machenschaften, doch nein, es ist die Gräfin von Godollo. Anscheinend hat sie wirklich ein Auge auf Theo geworfen, und will ihn selbst heiraten. Warum auch nicht.

Beste Stelle:

Wenn die zurückgewiesene Gräfin eine deutliche Ansage macht: „Mein Herr, (…) bei uns Ungarn, die wir noch einfache und fast barbarische Menschen sind, wird eine Tür mit beiden Flügeln geöffnet; wenn wir sie aber schließen, dann geschieht es mit doppeltem Verschluß.“

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2 Gedanken zu “Die Kleinbürger, Teil IX

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