Kehrseite der Geschichte unserer Zeit, Teil II

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BAND 51: Kehrseite der Geschichte unserer Zeit, S. 51 – 100

Das Geheimnis der verschworenen Gemeinschaft um Frau de la Chanterie ist ihre Wohltätigkeit. Wie schon der Richter Popinot aus Die Entmündigung (der das Projekt auch ins Leben gerufen hat), verteilen die Pensionäre Almosen an Bedürftige, betreuen diese danach aber weiterhin, um ihnen beim Aufstieg aus der Gosse zu helfen.
Gottfried möchte sich nützlich machen und nimmt neben seinen christlichen Lehrstunden nun auch Unterricht in Buchführung. Obwohl er bereits einiges an Demut zugelegt hat, ist er immer noch neugierig auf die Lebensgeschichten, die sich hinter der Verschwiegenheit seiner Mitbewohner verbergen. Als erstes sucht er den zugänglichen Herrn Alain auf und fragt ihn, warum er aus der Gesellschaft ausgestiegen ist. „Was konnte das Verbrechen dieses Biedermanns sein, den Frau de la Chanterie ihr ,Osterlamm‘ nannte?“

Es folgt eine lange Anekdote, die man in einem Satz wiedergeben könnte: Alain hat als junger Mann seinem in Not geratenen Jugendfreund Mongenod 100 Louisdor geliehen und war dann ungeduldig, als die Rückzahlung der Schulden auf sich warten ließ. Das würde der Geschichte aber nicht gerecht werden, denn Balzac beschreibt mit offenbar viel Erfahrung alle Stadien des Wartens, der Rachsucht, der Niedertracht, die diese Situation mit sich bringt.
Man selbst hat schon des öfteren Geld an Freunde verliehen und ist ärgerlich geworden, als es nicht zeitnah zurückgezahlt wurde. Man hätte es zwar nicht gebraucht, ärgerte sich aber über die würdelose Aufgabe, als Schuldeneintreiber agieren zu müssen. Schöner hätte man es gefunden, wenn das Geld ebenso wortlos zurückgekommen wäre, wie man es verliehen hat. Ließ dabei aber eventuell außer acht, dass es eben aus relativer Not nicht gleich zurückgezahlt werden konnte. Vielleicht auch aus dem Grund, weil man von anderen Freunden hörte, dass sie ebenfalls von dem Betreffenden angepumpt worden waren. Balzac dazu: „Ich trug diesen Tropfen Essig, den die üble Nachrede mir eingeträufelt hatte, mit mir fort und ließ alle meine guten Vorsätze davon anfressen.“

Man muss im Falle von Herrn Alain jedoch dazu sagen, dass er letztendlich zehn Jahre auf sein Geld wartet. Und zwar in der Zeit des Aufstiegs von Napoleon, turbulenten Jahren also, in denen er mit den 100 Louis gute Spekulationen hätte machen können. Sein Schuldner Mongenod ist in Amerika und schreibt nicht einen einzigen Brief. 1815 kommt er dann zurück, als gemachter Mann und gibt Alain 150.000 Francs zurück, ein Vielfaches des geliehenen Betrages. Alain ist so beschämt von seinem eigenen Misstrauen, dass er fortan als Wohltätet wirkt.
So überzogen romanhaft die Anekdote auch sein mag, bringt sie einen doch zum Nachdenken, wie man in Zukunft mit dem Thema Geldverleihen umgehen wird. Man muss ja kein Ausbund der Nächstenliebe werden, aber ein bisschen mehr Kulanz, ja, das wäre vielleicht drin.

Beste Stelle:

Interessanter Ansatz, wie man den Strafvollzug an Kriminellen auch gestalten könnte:
Die Verurteilten sollten religiösen Instituten übergeben und überreich mit dem Guten versorgt werden, anstatt daß sie inmitten des ausgebreitetsten Bösen verharren müssen. Man kann hierbei auf das opfervolle Entgegenkommen der Kirche rechnen; wenn sie Missionare zu wilden oder barbarischen Völkern entsendet, so würde sie auch mit größter Freude religiösen Orden die Mission übertragen, die Wilden der Zivilisation bei sich aufzunehmen, um sie zu bekehren; denn jeder Verbrecher ist ein Gottloser, und häufig, ohne es selbst zu wissen.“

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2 Gedanken zu “Kehrseite der Geschichte unserer Zeit, Teil II

  1. Pingback: Kehrseite der Geschichte unserer Zeit, Teil I | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Kehrseite der Geschichte unserer Zeit, Teil III | CLINT LUKAS

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