Glanz und Elend der Kurtisanen, Teil XIV

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BAND 48: Glanz und Elend der Kurtisanen, S. 618 – 658

Balzac glänzt mit Fachwissen über die Unterwelt, vor allem mit seiner Kenntnis des Slangs, den die Knastbrüder miteinander sprechen. Das kommt ein wenig unglücklich daher, weil es nach 200 Jahren ziemlich altbacken und kein bisschen verwegen klingt. Man sollte das in der Literatur nicht tun, besonders peinlich wird es, wenn man sich an eine aktuelle Jugendsprache anbiedert.
Todtäuscher ist jedenfalls der Vorsitzende der Gesellschaft der Zehntausend, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, nie ein Ding zu drehen, das weniger als 10.000 Francs einbringt. Drei seiner Mitbrüder – La Pouraille, Sélerier, genannt „Seidenfaden“, und „Le Biffon“ – warten bereits auf ihn. Der Geheimpolizist Bibi-Lupin hofft auf eine Entlarvung, doch zu seiner Enttäuschung bleiben sich die Gangster treu und spielen das Spiel des Todtäuschers mit.

Zum zweiten Mal gibt es einen Hinweis auf eine mögliche Homosexualität Jacques Collins. Im Gefängnis sitzt nämlich ein junger Korse, der ehemalige Kettengenosse des Todtäuschers. Nachdem die beiden aus dem Gefängnis ausgebrochen sind, haben sich ihre Wege getrennt, doch nun nennen ihn die anderen Diebe die „Tante“ des Todtäuschers. Die Erklärung des Begriffes wird sofort nachgeliefert: „,Dahin führe ich Eure Lordschaft nicht (…) denn da sind die Tanten untergebracht…‘ ,Oh, was ist das!‘ fragte Lord Durham. ,Das ist das dritte Geschlecht, Mylord.’“
Es wird ja gemeinhin behauptet, Dostojewski wäre der erste gewesen, der moralisch fragwürdige Underdogs in die hohe Literatur eingeführt hat. Wenn man nun den Todtäuscher sieht, einen schwulen Vollblutverbrecher, muss man die Pionierarbeit doch eindeutig Balzac zusprechen.

Jedenfalls hat er einen Plan, sowohl sich selbst, als auch seine „Tante“ vor der Hinrichtung zu retten. Seine Bundesbrüder helfen ihm dabei, indem sie vorerst seine Identität als spanischer Priester bestätigen. Sie fallen vor ihm auf die Knie und beichten, sehr zum Ärger des Geheimbullen Bibi-Lupin, der sich wieder mal vom Todtäuscher übertölpelt fühlt.

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2 Gedanken zu “Glanz und Elend der Kurtisanen, Teil XIV

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