Ursula Mirouet, Teil VI

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Im überfüllten ICE von Bamberg nach Berlin. Man kann sich gar nicht mehr an Zeiten erinnern, in der die Züge nicht außergewöhnlich hoch ausgelastet waren. Doch an diesem Tag ärgert man sich nicht darüber, denn man vibriert noch im Glück der vergangenen Tage.
Vor allem der Moment, als man im Großen Saal der Bamberger Volkshochschule saß und von Marina Bukowski beim Namen von der Bühne herab aufgerufen wurde. Das Konzept ihres Vortrages war schlicht und einfach, dass man ihr Fragen über ihren Vater stellen durfte. Man wollte wissen, ob Hank ein eifersüchtiger Vater war, als sie begann sich für Jungs zu interessieren. Mit der Zusatzbemerkung, dass man sich bei der eigenen Tochter vor diesem Moment fürchtet, erntet man Lacher im Saal. Marina erzählt daraufhin, dass ihr erster Freund zwölf Jahre älter war als sie. Fünfzehn und siebenundzwanzig. Man schluckt. Doch Hank vertraute ihrem Urteil und benahm sich höflich. Sie heiratete den Freund zehn Jahre später und bekam einen Sohn mit ihm.

BAND 38: Ursula Mirouet, S. 256 – 327

Der dicke Minoret lässt Ursula durch Goupil so lange quälen, bis sie schwer krank wird. Die Handlung scheint einem ähnlichen Punkt wie dem Ende von Pierrette zuzustreben. Das Böse triumphiert, als Leser erhält man nur den schwachen Trost, dass die Schuldigen irgendwann von Gott gerichtet werden.
Doch dann kommt alles anders, und man begreift, wozu Balzac den Doktor am Anfang zu seinem alten Mesmeristenfreund und der Wahrsagerin gehen ließ. Der Gute hat dort offenbar eine Möglichkeit gefunden, nach seinem Tod als Geist in der Welt zu bleiben. Jedenfalls erscheint er fortan in diversen Träumen. Zum Beispiel in denen Ursulas. Und in denen des dicken Diebes Minoret. Der Grundtenor: There will be blood. „Gnade! Dazu ist es zu spät (…) Er ist gemahnt worden! Er hat den Mahnungen kein Gehör geschenkt! Die Tage seines Sohnes sind gezählt. Wenn er nicht in kurzer Zeit alles gesteht und alles zurückerstattet, wird er seinen Sohn beweinen, der grausam eines gewaltsamen Todes sterben wird.“

Stück für Stück wird der Diebstahl aufgeklärt. Man ist erstaunt, dass Balzac dafür das Übernatürliche bemüht. Das gab es bisher noch nicht. Der dicke Minoret gerät zunehmend in Bedrängnis. Auch weil Savinien nun seinen Sohn zum Duell fordert, um Ursula zu rächen. Allerdings kommt es nicht mehr dazu: „Durch die Menge, die aufgeregt vor Minorets Gitter stand, erfuhr Savinien, daß seine Rache von einem Höheren in die Hand genommen worden war.“
Gott hat die Pferde einer Kutsche durchgehen lassen, wobei Minorets Sohn überrollt wurde. Der Unfall beschert dem Unbeteiligten keinen gnädigen Tod, sondern die Balzac’sche Höchststrafe: Amputation von Körperteilen, in dem Fall beider Beine. Man lässt Chirurgen aus Paris kommen, Ursula will für den Verunglückten beten, doch der Geist des Doktors schüttelt den Kopf.
Am Ende heiraten Ursula und Savinien, erhalten zudem das gestohlene Vermögen zurück. Mit den Antagonisten geht der Meister hart ins Gericht. Die böse Minoret, Mutter des Verunglückten, wird irre und stirbt in der Klapse. Der dicke Minoret vegetiert den Rest seiner Tage als gebrochener Frömmler dahin: „Manchmal erblickt man am Wegrand, in Gegenden, wo die Eichen gekappt werden, einen alten, welken, wie vom Blitz getroffenen Baum, der noch junge Triebe ansetzt, aber mit aufgerissenem Stamm die Axt um Erlösung anzuflehen scheint – dies ist das Bild des ehemaligen Postmeisters“.

Beste Stelle:

Die Dummen ziehen aus ihrer Hohlköpfigkeit mehr Vorteil als Leute mit Verstand aus ihrer geistigen Überlegenheit.“

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2 Gedanken zu “Ursula Mirouet, Teil VI

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