Junggesellenwirtschaft, Teil VII

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Man sitzt mal wieder im IC von Rostock nach Berlin, nachdem man sein Kind fürs Wochenende besucht hat. Achtmal pro Monat fährt man die Strecke im Durchschnitt und immer ist dieser Zug überfüllt, unabhängig von Jahres- und Uhrzeit. Als alter Hase im Bahnverkehr reserviert man selbstverständlich keine Plätze, denn bei jeder zweiten Fahrt können entweder die Reservierungen nicht angezeigt werden, oder die Wagenreihung hat sich geändert, sodass man wie ein Tölpel mit seinem Gepäck durch enge Gänge kriecht und im Anschluss die Demütigung in Kauf nehmen muss, andere Leute von seinem Platz zu verscheuchen.
Man kennt den Grundriss des neuen Intercity, weiß also, wo man auch ohne Reservierung Sitzplätze kriegt, zum Beispiel im kleinen Bordbistro. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass auf den leeren Tischen Schilder mit der Aufschrift „Nur für Bordpersonal“ befestigt sind. Da dies nur manchmal vorkommt, kann man daraus schließen, dass es eine persönliche Entscheidung der jeweils anwesenden Kaffeeschleuder ist, die Plätze nicht freizugeben.
Man ist nach dem Wochenende ohnehin frustriert unterwegs, weil es einem mal wieder vor Augen geführt hat, wie hanebüchen das eigene Sozialleben aufgestellt ist. Man ist in Rostock und kann daher nicht für seine Liebsten in Berlin da sein. Rückt dann die Rückfahrt nach Berlin näher, hat man in Rostock ein weinendes Kind vor sich, das nicht will, dass man abreist. Was zu der Einsicht führt, dass man trotz vollen Einsatzes immer nur 50% von sich geben kann und daher andauernd Herzen bricht, die man liebt.
Den Frust darüber möchte man natürlich nicht an besagten Sozialkontakten auslassen, weshalb sich ein Streit mit dem Bordpersonal des IC anbietet. Auf die ungeduldig vorgebrachte Frage, warum man die leeren Plätze nicht in Anspruch nehmen darf, gibt die Mitarbeiterin zu bedenken: „Nein, die sind für das Bordpersonal tatsächlich.“
„Tatsächlich?“
„Ja, es hat sogar schon eine Mutter mit ihren Kindern gefragt, tatsächlich. Aber die musste ich auch wegschicken.“
Die unmäßige Benutzung von „tatsächlich“ als Füllwort ist einem auch schon lange ein Dorn im Auge. Was ist dein Hobby? Ich gehe tatsächlich gern schwimmen. Tatsächlich, tatsächlich. Wozu braucht man Anglizismen, wenn man die eigene Sprache mit willkürlich eingestreuten Sinnlosigkeiten ruinieren kann? Man schimpft mit der Bordkellnerin. Die den Sprung von den nicht freigegebenen Sitzplätzen zum Untergang des Abendlandes wegen Inflation der Sprache nur bedingt nachvollziehen kann.
Vielleicht sollte man sich nicht ärgern, sondern stattdessen den Ausweg in die Melancholie suchen. Das löst zwar den Konflikt auch kein bisschen, aber man verkommt nicht zum Meckerpott. Man sitzt mit Büchsenbier am Fenster, blickt auf vorbeirauschende Kornfelder und sinniert über die eigene Nutzlosigkeit.

BAND 37: Junggesellenwirtschaft, S. 301 – 350

Nachdem man wegen Philipp Bridau auf den ersten zweihundert Seiten soviel Ärger hatte, sorgt er nun dafür, dass sämtliche Deppen in Issoudun ihr Fett wegkriegen. Als erstes geht er zu seinem reichen Trottel von Onkel, der von den Erbschleichern so vollkommen isoliert wird, wie König Theoden von Grima Schlagenzunge in „Der Herr der Ringe“. Er fragt ihn, ob er gegen seinen Willen im Haus festgehalten wird und macht der Krebsfischerin klar, dass er ihr Spiel durchschaut: „Daß mein Onkel Sie liebt, vortrefflich! (…) Daß Sie meinen Onkel nicht lieben, auch das ist in der Ordnung. Daß Sie aber den guten Alten unglücklich machen… Stopp! Das gibt’s nicht! Wenn man eine Erbschaft begehrt, muß man sie auch verdienen. Kommen Sie jetzt, Onkel?…“

Es gelingt ihm, seinen Kontrahenten Max vor der Stadt bloßzustellen, sodass nur noch ein Duell den Streit lösen kann. Er gewinnt, man muss aber fairerweise dazu sagen, dass seine Tante ihm eine Reliquie ins Beinkleid einnähen ließ, nämlich einen vergoldeten Zahn der heiligen Solange. Auf die Art hätte man auch gewonnen: „Philipp erhielt einen Säbelhieb, der ihm die Stirn und einen Teil des Gesichts aufriß, aber zugleich spaltete er Maxences Kopf schräge durch ein furchtbares verkehrtes Moulinet, mit dem er dem Todeshieb begegnete, den Max ihm bestimmt hatte.“
Man könnte meinen, die Bridaus kämen nun zu ihrem rechtmäßigen Erbteil. Sie wirken auch zuversichtlich, einzig der Anwalt Desroches bleibt skeptisch: „Im Glück wie im Unglück wird Philipp stets der Mann bleiben, der er war, der Mörder der Frau Descoings, der Hausdieb; aber zu Ihrer Beruhigung sei’s gesagt: in den Augen der Gesellschaft wird er ein Ehrenmann sein!“
Auch in den Augen des Lesers, lieber Desroches. Denn man findet, dass er sich nach seinem meisterhaften Coup gegen die Krebsfischerin ruhig mal wieder ein Ding leisten kann.

Beste Stelle: Wenn einer von Max‘ Parteigängern sich darüber beschwert, wie zimperlich die Bürger auf die Streiche der Ritter des Müßiggangs reagieren: „Er gehörte zu der Art Offiziere, die auf die Beschwerden entsetzter Bürgermeister zu antworten pflegen: ,Na, dann wird man Ihnen Ihre Stadt bezahlen, wenn man sie verbrannt hat!’“

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2 Gedanken zu “Junggesellenwirtschaft, Teil VII

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