Die Muse der Provinz, Teil IV

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Man stellt verärgert fest, dass die Wohnung schon wieder gesaugt werden muss. Unter jedem Schritt knirscht es, nach einem kleinen Rundgang kann man eine Marinade aus Flusen und Krümeln von den eigenen Fußsohlen hobeln. Man sagt sich, dass man doch gerade erst gesaugt hat. Stellt dann bei genauerem Nachdenken fest, dass dieses „gerade erst“ auch schon wieder drei Wochen her ist. Allerdings ist ein Drei-Wochen-Rhythmus schlimm genug für eine derart entwürdigende Tätigkeit. Die eigentliche Handhabung des Staubsaugers ist dabei gar nicht so schlimm, sondern das Aufraffen zu einem endlos wiederkehrenden Vorgang.
Das gleiche Problem scheint Gustave Flaubert mit dem Rasieren gehabt zu haben. Jedes mal, wenn kratzende Bartstoppeln ihn vor den Spiegel trieben, sprang ihm die Sinnlosigkeit in die Augen, einen Körper in winzigen Intervallen pflegen zu müssen, der sowieso dem Verfall geweiht ist.
Man nimmt zudem an, dass die Wohnlage neben dem S-Bahnring für ein erhöhtes Aufkommen von Feinstaub verantwortlich ist. Korrigiert sich dann: Dass die Wohnung dreckig ist, wenn man nur alle 3-4 Wochen saugt, hat nichts mit Feinstaub zu tun, sondern einfach nur mit der Tatsache, dass man eine faule Drecksau ist.

BAND 36: Die Muse der Provinz, S. 151 – 200

Nachdem sein Besuchsmonat zu Ende ist, kehrt Lousteau nach Paris zurück und vergisst seine vermeintlich große Liebe Dinah innerhalb weniger Tage. Zwar schreibt sie ihm glühende Briefe, kann sein Herz aber kaum erweichen: „,Wie schade, das zu verbrennen! Es ist so gut geschrieben‘, dachte Lousteau, als er die zehn Blätter, nachdem er sie gelesen, ins Feuer warf. ,Diese Frau ist die geborene Feuilletonistin.’“
Seine Freundin Frau Schontz arrangiert für ihn eine Ehe mit einer reichen Bürgerstochter, für Lousteau die lang ersehnte Möglichkeit seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Allerdings taucht dann im ungünstigsten Moment Dinah bei ihm auf und ruiniert alles. Ihm bleibt also nichts anderes übrig, als mit ihr zusammen zu bleiben, zumal sie sein Kind unter dem Herzen trägt. Die Gute übernimmt auch sofort das Ruder: „Während sie von Schränken und Kommoden Besitz nahm, entwarf sie die süßesten Pläne: sie würde Lousteaus Lebenswandel ändern, sie würde ihn zum Stubenhocker machen“.

Obwohl eine feste Beziehung mit geteilter Wohnung seinem lifestyle absolut zuwider läuft, arrangiert sich Lousteau im Hinblick auf das Erbe, das Dinah beim Tod ihres Mannes zufallen wird. Er lässt sich dann auch erstmal aushalten, arbeitet kaum. Dinah geht langsam ein Licht auf, was sie sich da an Land gezogen hat: „er war faul, und es fehlte ihm an Willen. (…) man schafft ein schönes Werk nicht, weil eine Frau stirbt, oder um entehrende Schulden zu bezahlen, oder um seine Kinder zu ernähren;“ Interessante These eines Schriftstellers, der mit Verlaub einen großen Teil seiner Bücher nur für die Gläubiger schrieb. Auf die Art sind vermutlich auch solche Entgleisungen wie Pierrette und Die Lilie im Tal entstanden.

Beste Stellen:

Wie man schon am eigenen Leib erfahren durfte, „ist das Unterfangen, von seiner Feder zu leben, eine Arbeit, die die Galeerensträflinge verweigern würden, sie würden den Tod vorziehen. Heißt von der Feder leben nicht schaffen? schaffen, heute , morgen, immer…“

Trotzdem gilt: „Die hervorragenden Männer erhalten ihr Gehirn im Stande der Produktion, wie ehemals ein Ritter seine Waffen stets bereit hatte. Sie bändigen die Faulheit, sie halten sich von erschöpfenden Vergnügungen fern oder geben ihnen nur in dem Maße nach, wie ihre Fähigkeiten ihnen erlauben.“

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2 Gedanken zu “Die Muse der Provinz, Teil IV

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