Die Muse der Provinz, Teil II

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Wie bei allen langwierigen Projekten sehnt man auch bei diesem Leseblog das Ende herbei, fürchtet gleichzeitig das tiefe Loch, in das man dann stürzen wird. Balzac bedeutet Tag für Tag zwei Stunden Arbeit, bevor man sich all den anderen Aufgaben widmen kann. Doch wie so oft im Leben stellt man fest, dass Fleiß ungeahnte Kräfte freisetzt. Man kann umso mehr stemmen, je mehr man bereits stemmt. Vergleiche auch Elon Musk. Nicht dass man sich einen Business Man zum Vorbild nehmen möchte, diese Gattung gehört zu den niedrigsten Formen unserer Spezies und wird vermutlich auch ihr Ende besiegeln.
Man stellt jedenfalls fest, dass der Selbstversuch dieses Blogs längst zu den Ergebnissen geführt hat, die man sich erträumte:

  • abgesehen von den Stunden des Schlafes, der Nahrungsaufnahme und der sozialen Interaktion mit unverzichtbarem Personal (Kind, Freundin) ist der Tag restlos mit geistiger Arbeit gefüllt, der beglückendste Zustand schlechthin
  • die Verdrängung unliebsamer Einflüsse (Krieg, Pandemie, Menschheit) gelingt nahtlos
  • sinnlose Exzesse finden nicht mehr statt, nur noch sinnvolle
  • man kann auf Zuruf jede Balzacfigur heraldisch einordnen und einen zwanglosen Abriss ihrer Biographie ins Gespräch einfließen lassen
  • man ist wieder jung und sexy

    Deshalb die uneingeschränkte Empfehlung: Lesen Sie Balzac, beuten Sie die Kapazitäten Ihres Gehirns schamlos aus, und im Handumdrehen sind Sie wieder jung und sexy.

BAND 36: Die Muse der Provinz, S. 51 – 100

Dinah möchte gern eine Affäre haben, findet aber die Jungs aus ihrem Kaff alle zu langweilig. Sie kommt deshalb auf die Idee, die Pariser Promis Lousteau und Bianchon zurück in ihre Heimatstadt zu holen. Lousteau, den man als den Mephisto aus Verlorene Illusionen kennt, der den armen Lucien de Rubempré in die Fänge des Journalismus lockt, ist inzwischen mit 37 ein verbrauchter Mann: „Da er schon kahl war, hatte er eine byronhafte Miene angenommen, in Übereinstimmung mit den vorzeitigen Runzeln und Furchen in seinem Gesicht, die durch übermäßigen Sektgenuß hineingegraben waren.“ Hastig stürzt man zum Spiegel, weil man selbst auch 37 und dem Sektgenuss ebenso zugeneigt ist.

Die beiden folgen der Einladung und sind von Dinahs Erscheinung angenehm überrascht. Von ihrem sagenhaften Esprit allerdings weniger: „Ich meine, daß die geistreichste Frau von Sancerre ganz einfach die geschwätzigste ist“, fasst Lousteau zusammen. Und macht sich im Anschluss einen Spaß daraus, die einheimischen Schleimer zu ärgern, die sich um Dinah drängeln. Der Reihe nach erzählen die Anwesenden nun Geschichten von eifersüchtigen Ehemännern, die sich an ihren Frauen rächen. Man fühlt sich an die Clique aus Boccaccios Decamerone erinnert, wie sie sich gegenseitig Zoten erzählen. Dinah findet es klasse.

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2 Gedanken zu “Die Muse der Provinz, Teil II

  1. Pingback: Die Muse der Provinz, Teil I | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Die Muse der Provinz, Teil III | CLINT LUKAS

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