Pierrette, Teil III

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Man hat sich auf die Pfingsttage gefreut, um mit dem Schreiben so richtig durchzuziehen und fünfzehn bis zwanzig Romanseiten rauszuhauen. Freizeit ist, wie schon an anderer Stelle erwähnt, eine Sache für Zivilisten. Während man sich noch in dieser Pose elitärer Selbstausbeutung bewundert, geht am Samstag Nachmittag die Anlage des Privatclubs an, der sich auf dem Dach des zweihundert Meter entfernten Neubaus befindet. Die Distanz scheint ideal zu sein, um die Stärke der Schallwellen zu potenzieren, man wird fortan ununterbrochen mit den größten Hits der 80er, 90er und von heute beschallt. In den Pausen, die man dem gerauften Haupthaar gönnt, sich zu regenieren, liest man Pierrette und fragt sich: Für wen werden Bücher geschrieben, in denen von Anfang bis Ende nur gelitten wird?
Die Figuren werden pausenlos gequält, dem Leser geht es nicht anders. Ob wenigstens der Autor Freude dabei hatte, will man nicht wissen. Pierrette ist so ein Buch. Man fragt sich, warum man es freiwillig liest. Bei Filmen wie Das Piano, oder ähnlichen Schmachtfetzen geht es einem ja ähnlich, aber man weiß wenigstens, wie man in die Situation gekommen ist, sie anschauen zu müssen: Die Freundin hat einen dazu gezwungen. Darf man das Klischee bemühen, das weibliche Geschlecht wäre zum Leiden prädestiniert und deshalb erfreut, sich auch auf dem silver screen damit zu beschäftigen?
Man selbst geht jedenfalls pragmatisch an die Sache heran. Da die Welt, das Leben, der Alltag hässlich genug sind, will man wenigstens beim Kunstgenuss durchatmen können. Wenn Leute wie Jane Campion oder Ken Loach oder in diesem Fall Balzac ihre Sozialdramen auspacken müssen, können sie das gern tun, aber man möchte dabei ebenso wenig anwesend sein, wie bei ihrem täglichen Klogang.

BAND 35: Pierrette, S. 101 – 150

Anscheinend wird Pierrette krank durch die Misshandlungen ihrer Verwandten. Das weiß man, weil Balzac einen auf jeder Seite daran erinnert:
durch ihre krankhafte Blässe, die von der törichten alten Jungfer nicht als Krankheitssymptom erkannt wurde, wirkte sie bezaubernd.“
Er mußte wissen, welcher Art die Schmerzen waren, die ihr den Anschein eines vom Tode gezeichneten Mädchens gaben, das seine Leiden kaum noch zu ertragen vermag.“
Die plötzlichen Temperaturschwankungen, denen sie sich mit jugendlicher Sorglosigkeit aussetzte, (…) verschlimmerten ihren Zustand aufs grausamste.“
sie hätte ihre Krankheit erraten und begriffen, daß die Säfte und das Blut, von ihrer Bahn abgelenkt, in die Lungen strömten, weil die Ernährungsorgane angegriffen waren.“
,Ich werde ihn bohnern, wenn du es wünschst‘, antwortete das sanfte Kind, ohne zu ahnen, wie gefährlich diese Arbeit für ein junges Mädchen ist.“
ein Geschwür bildete sich in ihrem Kopf, dazu kamen organische Störungen, die durch ihre Blutarmut bedingt waren“
Da fragt man sich, warum man nicht gleich den ganzen Tag Meldungen über den Krieg in der Ukraine liest. Genauso erbaulich ist es jedenfalls.

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2 Gedanken zu “Pierrette, Teil III

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