Das Antiquitätenkabinett, Teil II

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BAND 34: Das Antiquitätenkabinett, S. 51 – 100

Um die verzogene Göre Victurnien vor ihrem Aufbruch in die Hauptstadt auch endgültig zu verderben, gibt der Marquis ihm noch einen Ratschlag mit auf den Weg: „Der wie ein Heiligtum bewahrten Ehre unserer Vorfahren sind wir es schuldig, jedem ins Antlitz schauen zu können. Das Knie beugen wir nur vor einer Geliebten, vor dem König und vor Gott. Das ist unser vornehmstes Recht.“ Fun fact: Genau die gleichen Worte richtet man jeden Morgen ans eigene Kind.
Die große Hoffnung des Hauses d’Esgrignon ruht nun auf einem Spross mit den Eigenschaften eines heutigen FDP-Wählers: „So war er eines jener schrecklichen Geschöpfe der Gesellschaft geworden, denen man so häufig begegnet, ein konsequenter Egoist. Sein aristokratischer Ich-Kultus hatte ihn dazu verführt, seinen Launen zu folgen, und so hatte er sich daran gewöhnt, jede Sache nach dem Vergnügen einzuschätzen, die sie ihm bereitete;“

Zusammen mit den Dandys vom Dienst (Rastignac, de Marsay, Blondet) verplempert er in wenigen Wochen das Haushaltsgeld für zwei Jahre. Wenn der Schüler bereit ist, wird der Meister erscheinen, denkt man, als in dieser Bankrott-Situation auch noch die Endgegnerin und femme fatale schlechthin auftritt, die Herzogin Diane de Maufrigneuse: „sie gehörte zu den Frauen, die, ohne daß man weiß, wo, wozu, wieso, die Einkünfte der Erde und des Mondes verzehren würden, wenn sie sie nur bekommen könnten.“ Rastignacs lakonischer Kommentar: „Du, der wird verschlungen, wie ein Droschkenkutscher sein Gesöff herunterschlingt.“
Genau so geschieht es dann auch. Die famose Diane lässt den entflammten Lover zwar nicht ran, weil sie gerade eine jungfräuliche Phase hat, animiert ihn aber dazu, das nicht vorhandene Geld mit beiden Händen aus dem Fenster zu werfen. Victurnien sieht schließlich keine andere Lösung, als du Bousquier in der Heimat anzupumpen, worauf der natürlich nur gewartet hat. Nach kurzer Zeit belaufen sich die Schulden bereits auf 227.000 Francs. „Wenn du Bousquier abends am Antiquitätenkabinett vorüberging, rieb er sich vor Freude die Hände. Sein Ziel war nicht mehr der Untergang, sondern die Entehrung des Hauses d’Esgrignon.“

Beste Stellen:

Rastignacs Reaktion auf Victurniens klägliche Versuche, Ordnung in seine Rechnungen und Schuldscheine zu bringen: „Was, du kümmerst dich um den Quark? (…) du ordnest ihn sogar. Ich hätte dich nicht für so kleinbürgerlich gehalten.“

Der Auftritt des Familiennotars Chesnel, der die undankbare Aufgabe hat, die liebe Tante über den Schuldenberg ihres Neffen in Kenntnis zu setzen: „Der Sand knirschte unter seinen Füßen, wie der, der aus der Sanduhr des Todes fällt, und den er mit seinen nackten Füßen zertritt.“

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2 Gedanken zu “Das Antiquitätenkabinett, Teil II

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