Die Lilie im Tal, Teil V

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Man fragt sich ein bisschen, warum Balzac dieses Buch nicht halb so lange gemacht hat, warum es ausgerechnet 400 Seiten lang sein muss. Die Handlung tritt dermaßen auf der Stelle, dass man als Leser zu Asche zerfallen möchte. Eine Handlung, so langweilig wie das Leben selbst. Wer sich bei der Proust-Lektüre vor den vermeintlich anstrengenden Albertine-Teilen fürchtet, kann beruhigt sein. Die Gefangene ist nicht anstrengend. Die Lilie im Tal ist anstrengend.

BAND 33: Die Lilie im Tal, S. 201 – 260

Felix wird der Liebling des Königs. Dadurch entwickelt sogar seine garstige Mutter Zuneigung für ihn, die ihm freilich nichts mehr bedeutet: „Die vom Egoismus befleckten Gefühle erregen wenig Sympathie, das Herz haßt Berechnungen und Vorteile jeder Art.“
Den sechsmonatigen Urlaub, der ihm gewährt wird, verbringt er mal wieder bei Henriette. Dort gibt es keinerlei Entwicklung, sie fordert nur mal wieder ewige Treue von ihm. Ohne Gegenliebe, versteht sich:
sagen Sie, sagen Sie, lieben Sie mich heilig?‘
,Heilig.‘
,Auf immer?‘
,Auf immer.‘
,Wie die Jungfrau Maria, die unter ihren Schleiern und unter ihrer weißen Krone bleiben muß?‘
,Wie eine menschengewordene Jungfrau Maria.‘“
Während man noch mit Würgen beschäftigt ist, wird der Graf krank, Felix und Henriette sitzen fortan abwechselnd an dessen Bett. So kann man natürlich auch sechs Monate Urlaub zubringen. Um die Stimmung zu heben, lässt sie in einem Nebensatz fallen, dass sie nie wieder heiraten wird, sollte ihr Mann sterben. Man stellt sich Felix‘ Gesicht dabei vor.
Zurück in Paris lernt er die englische Lady Dudley kennen, endlich kommt Bewegung in diese öde Schnulze. Dass er trotz ihrer Avancen versucht, seiner Henriette die Treue zu halten, ganselt die routinierte Männerfresserin so auf, dass sie sich ernsthaft verliebt. Felix gibt nach, vor allem um seine brüllende Libido mal zu besänftigen: „Aber ich betete Henriette an. Nachts weinte ich vor Glück, morgens weinte ich vor Reue.“
Als er wieder in die Tourraine zu Henriette aufbricht, schließt Lady Dudley sich an. Das könnte endlich Schwung in die Angelegenheit bringen.

Beste Figur:

Lady Arabelle Dudley, ein echtes Teufelsweib, wie die meisten Frauen über dreißig: „Diese schöne Lady, so schmiegsam, so zart, so zerbrechlich, so weich, mit einem so milden Ausdruck, mit den feinen rötlichen Haaren, dieses Geschöpf, das scheinbar phosphoreszierend und verflüchtend war, hatte eine eiserne Natur. (…) Sie ist so kräftig, daß sie keinen Kampf fürchtet, kein Mann kann ihr zu Pferde folgen; sie würde auf einer Jagd Zentauren besiegen; sie schießt Hirsche und Damwild, ohne ihr Pferd anzuhalten. Ihr Körper gerät nie in Schweiß, strahlt glühendes Feuer aus und könnte auch im Wasser leben.“

Beste Stelle:

Lady Dudleys Kommentar zur keuschen Liebe von Felix und Henriette: „Ich werde (…) von diesen Seufzern eines Taubenpaars gelangweilt.“
High Five!

Schlimmste Stelle:

Wenn man realisiert, dass es immer noch mehr als 100 Seiten sind.

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2 Gedanken zu “Die Lilie im Tal, Teil V

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