Verlorene Illusionen, Teil XV

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BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 721 – 786

Die letzte Etappe des großen Werkes. Lucien glänzt noch ein letztes Mal im Salon von Louise de Bargeton, trotz seiner Niederlage wird er der Löwe von Angoulême genannt. Er glaubt, einen absoluten Erfolg erringen zu können, wie immer durch die Kraft seiner Schönheit. Doch seine Schwester Eva bleibt misstrauisch: „Mein armer Lucien ist nicht mehr der Dichter mit dem reinen Herzen, den wir kannten. Gerade, weil er sich in Deine Angelegenheiten mischen will und den Plan gefaßt hat, unsre Schulden zu zahlen (aus Hochmut, David!), fürchte ich ihn.“
Sie behält recht. Lucien schreibt David einen Brief, der im vollen Glanz seiner Pariser Hybris strahlt, David verlässt sein sicheres Versteck und wird verhaftet. Der Dichter sieht ein, dass alles zu Mist wird, was er anfasst und will sich folgerichtig wieder mal das Leben nehmen. Leider kommt ihm dabei seine Eitelkeit in die Quere: „Lucien überlegte das geeignete Mittel; als Poet wollte er poetisch sterben. Er hatte zuerst daran gedacht, sich ganz brav in die Charente zu stürzen, aber auf der Rampe im voraus den Lärm gehört, den seine Tat veranlassen würde, und das abscheuliche Schauspiel des Leichnams gesehn, der entstellt wieder an die Oberfläche kam, das Opfer einer gerichtlichen Untersuchung; es gibt eine posthume Eigenliebe.“

Stattdessen wählt er ein stilles Wasserloch, das er auf seinem Heimweg entdeckt hat. Bevor es losgehen kann, pflückt er noch einen Strauß Blümchen, und begegnet derlei gewappnet einem geheimnisvollen spanischen Priester. Dieser hält Lucien von vorschnellen Entscheidungen ab, überredet ihn stattdessen mit ihm zurück nach Paris zu kommen, um sich an seinen Henkern zu rächen: „Wollen Sie Soldat sein, dann bin ich bereit, Ihr Hauptmann zu werden. Gehorchen Sie mir, wie eine Frau ihrem Gatten gehorcht, ein Kind seiner Mutter. Und ich garantiere Ihnen, daß Sie in weniger als drei Monaten Marquis de Rubempré sein, eine der vornehmsten Töchter des Faubourg Saint-Germain heiraten und eines Tages auf der Pairsbank Platz nehmen werden.“

Lucien schlägt ein und erhält dafür 15.000 Franken, die er sofort an David und Eva schickt. Natürlich kommen sie zu spät, David hat seine Erfindung bereits den Brüder Cointet übertragen. Allerdings hat er sich dafür ein entspanntes Leben abseits des Kapitalismus geschaffen, er und Eva erben am Ende das Vermögen des alten Séchard und dürften einem der seltenen Happy Endings bei Balzac entgegen sehen.
Natürlich fragt man sich, was derweil den spanischen Priester Carlos Herrera dazu bewegt, Lucien als Ziehsohn zu adoptieren, wer er überhaupt ist. Vielleicht ist das auffällige Interesse für das Gut der Rastignacs, an dem die beiden vorbeikommen, ein Hinweis? Könnte es sein, dass die bisher tollste Figur der Comédie humaine wieder aufgetaucht ist? Wir werden es leider erst später erfahren, denn der Meister schließt lakonisch: „Was Lucien betrifft, so gehört die Geschichte seiner Rückkehr nach Paris in die Szenen aus dem Pariser Leben.“

Beste Stelle:

Das Manifest des spanischen Priesters, in wenigen Worten zusammen gefasst: „Sorgen Sie für den Schein! Verbergen Sie die Kehrseite Ihres Lebens! Verschwiegenheit ist die Parole des Ordens der Ehrgeizigen, machen Sie sie sich zu eigen! Die Großen begehen beinahe ebenso viele Feigheiten wie die Armen; aber sie begehen sie im Schatten und rücken ihre Tugend in den Vordergrund: sie bleiben groß. Die Kleinen entfalten ihre Tugenden im Schatten und breiten ihr Elend offen aus: sie werden verachtet.“

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil XV

  1. Pingback: Verlorene Illusionen, Teil XIV | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Demut und Größenwahn | CLINT LUKAS

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