Verlorene Illusionen, Teil XIV

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BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 658 – 721

Die ganze Stadt scheint sich zu verschwören, um David seine Erfindung zu klauen. Nicht nur altbekannte Figuren, wie der geizige Vater und die Brüder Cointet, sondern auch ein ganzes Ensemble neuer Bösewichter, die Balzac auf den letzten Seiten seines opus magnum einführt. Betrachtet man die Comédie humaine als das große Sittengemälde, das sie ist, kann es einem im Grunde wurscht sein, an welcher Stelle die Figuren ihr Unwesen treiben. Sieht man die Verlorenen Illusionen jedoch als eigenständiges Werk, befremdet so eine späte Exposition, und man wundert sich nicht, dass Balzac als unzugänglich empfunden wird. Um ehrlich zu sein, tendiert man auch als ganzheitlicher Leser dazu, ein paar Seiten zu überblättern, bis endlich wieder die allseits beliebte Nervensäge Lucien auftritt.

Das tut sie dann in gewohnter Manier. Gerade noch ein reuevolles Häufchen Elend, weitet sich sein Ego bereits auf der Stadtgrenze zu einem saftigen Steak: „Noch von den Gewissensbissen bedrückt, die der Bericht des Priesters hervorgerufen hatte, fand er den Ausweg, diese Mißachtung der Leute für den Augenblick als Buße anzusehen, war aber im Übrigen entschlossen, dem Blick der Bekannten nicht auszuweichen. Er empfand sich selbst als heldenhaft, alle diese Dichternaturen beginnen ja damit, sich selbst zu täuschen.“
Trotzdem kommt er im elterlichen Haus nicht umhin zu bemerken, dass Mutter und Schwester ein wenig abgeturnt von seiner Entwicklung sind. Er reagiert arrogant, was umso leichter fällt, als plötzlich ganze Prozessionen am Haus aufmarschieren, um den heimgekehrten Dichter zu ehren. Man ahnt, dass hier wieder ein Komplott vorliegt, der unverbesserliche Lucien denkt jedoch nur daran, sich wieder hübsch auszustatten. Zu diesem Zweck wird zum zigsten Mal die im Todeskampf zuckende Familie angeschnorrt. Schließlich muss der in Paris weilende Etienne Lousteau herhalten: „ergo sorge dafür, daß ich Ende der Woche im Besitze eines hübschen Anzugs für den Vormittag bin: Kleiner dunkelgrüner Gehrock, drei Westen, die eine schwefelgelb, die andere Phantasiemuster, schottisch, die dritte ganz weiß; ferner drei bestechende Beinkleider, das eine aus weißem englischen Stoff, das andere Nanking, das dritte aus leichtem schwarzen Kaschmir (…) ein paar Stiefel, ein Paar Tanzschuhe, einen Hut, sechs Paar Handschuhe.“

Derart ausstaffiert schleimt sich Lucien wieder bei der ebenfalls in Angoulême weilenden Louise de Bargeton ein, die inzwischen mit dem Baron Châtelet verheiratet ist. Dem Dichter wird vor versammelter Menge ein Lorbeerkranz aufs Haupt gesetzt, übrigens noch immer für die Sonette und Der Bogenschütze Karls IX, diese beiden Ladenhüter, die kein Mensch gelesen hat. Man fragt sich, warum Lucien sich überhaupt noch Dichter nennt, wo er doch seit Jahren nichts schreibt und nur immer wieder seine ollen Kamellen auspackt.

Beste Stellen:

Luciens Rührung angesichtes der ihm dargebrachten Ovationen: „,Solche Wirkung verdankt man nur echter Begeisterung‘, fuhr er fort und umarmte Mutter und Schwester, wie man tut, wenn die Freude so übermächtig ist, daß man sich an die Brust eines Freundes werfen muß – in Ermangelung eines Freundes umarmt ein vom Erfolg berauschter Schriftsteller sogar seinen Portier“.

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil XIV

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