Verlorene Illusionen, Teil XIII

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Man sitzt wieder im Flugzeug zurück nach Berlin, mit einem Ausblick aufs Riesengebirge und all die Arbeit, die vor einem liegt. Als Balzac 1835 Wien besuchte, war er so schwer verschuldet, dass er sich in der Notlage sah, innerhalb von zwei Wochen den hier bereits besprochenen Roman Zwei Frauen schreiben zu müssen. Unter normalen Umständen wäre das ein Klacks für den Meister gewesen, er hätte den Vorschuss einstreichen und seinen Kopf wieder mal aus der Schlinge ziehen können.
Allerdings passierte dann in Wien etwas, wonach Balzac sich in Paris zeitlebens vergeblich sehnte: Er wurde empfangen, und zwar in den höchsten Adelshäusern. Verständlich, dass man die Arbeit ein wenig schleifen lässt, wenn man stattdessen mit dem Fürsten Metternich himself im Biergarten sitzen darf.
Jedenfalls hängt man mit den eigenen drei Buchprojekten nach dem Wiener Wochenende voller Wein und Gesang ebenfalls hinterher. Genau wie Balzac kann man sagen: Das war es wert.

BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 595 – 658

Lucien trampt zurück in die Heimat. Drama-Queen, die er ist, kollabiert er jedoch kurz vorm Ziel und lässt einen Pfarrer kommen, damit der ihm die Sterbesakramente abnimmt. Würde man für jeden hysterischen Anfall des Dichters einen Euro bekommen, man wäre nach Ende der Lektüre ziemlich liquide: „Der Pfarrer wußte nicht, daß seit anderthalb Jahren Lucien so oft bereut hatte, daß die Reue, mochte sie noch so heftig sein, keinen anderen Wert besaß, als den einer vollkommen gut und obendrein vollkommen aufrichtig gespielten Szene.“
Der Grund für diese Schauspieler-Reue ist die Nachricht, dass sein Schwager David ins Gefängnis muss. Der gute Lucien hat nämlich auf dessen Namen drei Schecks im Wert von 3.000 Francs gefälscht.

Es folgt eine minutiöse und ziemlich anstrengende Schilderung der Ereignisse, die sich parallel zu Luciens Leben in Paris abgespielt haben. Long story short: Die jungen Eheleute Eva und David kämpfen hart gegen ihren Ruin an. Jedes Mal, wenn sie ein klein wenig Oberwasser gewinnen, kommt ein Brief des Dichters, in dem er sie anpumpt und wieder ins Elend stürzt. Die drei gefälschten Wechsel sind dann der Todesstoß, David soll in den Knast. Seine Konkurrenten, die Brüder Cointet, beschleunigen diese Entwicklung nach Kräften, weil sie auf die Art an Davids geheime Erfindung zur billigen Papiergewinnung rankommen wollen.
Eva ist von Luciens Verrat derweil so geschockt, dass ihr die Muttermilch in der Brust versiegt. Sowas passiert einem ja auch nicht alle Tage. Als Leser schielt man schon mal um die Ecke, wie viele Seiten die Misere noch dauern wird.

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil XIII

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