Verlorene Illusionen, Teil XII

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Ibuprofen, Duschen, Champagner im Palmenhaus der Hofburg, dann kann der Tag losgehen. Hauptaktivität für den zweiten Tag in Wien ist ein Besuch auf dem Zentralfriedhof, hauptsächlich weil man als ehemaliger Totengräber von Gustav Mahler seine Grabstätte sehen will (siehe auch „Das schwere Ende von Gustav Mahlers Sarg“). Außerdem ist der Zentralfriedhof zwar nur halb so groß wie Zürich, dafür aber doppelt so lustig. 
Dann stellt man fest, dass Mahler in Grinzing beigesetzt wurde, man muss sich also notgedrungen mit Beethoven, Schubert und Udo Jürgens zufrieden geben. Mozart zählt nicht, weil das arme Ding irgendwo in St. Marx verklappt wurde, und die Stadt ihn erst posthum geehrt hat, um ihre touristischen Einnahmen zu steigern. Das ist schließlich der höchste Lohn für jeden Künstler, die schnöden Bürger zu mästen, die einem zu Lebzeiten als Vermieter und Passanten den Tag vermiesten. 

BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 551 – 595

The bigger they come the harder they fall. Wenn man aufgefordert wäre, die Handlung der Illusions perdues in einem catchy Satz zusammenzufassen, würde man es damit gut treffen. „So wurde einstimmig beschlossen und gründlich besprochen, daß man Lucien, den Eindringling, diesen kleinen Gernegroß, der alle Welt verschlingen wollte, vernichten müsse.“
Man war ja selbst längst genervt von der Darstellung dieses Genies in Adonis-Gestalt, doch offenbar lag es Balzac nur daran, die nötige Fallhöhe zu erzeugen. Wie gründlich der Sturz seiner Hauptfigur dann jedenfalls inszeniert wird, bringt einen zum Staunen. „Jeder Mann, der nicht reich geboren ist, hat daher seine Woche des Verhängnisses. Für Napoleon hieß sie Rückzug von Moskau. (…) Der erste Schmerz war der stärkste und schlimmste von allen, er traf ihn da, wo der Dichter sich für unverwundbar hielt, in seinem Herzen und in seiner Liebe.“
Die liberalen Journalisten-Kumpels, inzwischen seine Todfeinde, zerlegen nämlich nicht nur ihn und sein Werk in den Zeitungen, sondern auch seine arme Freundin Coralie, sodass ihre Rolle nach der Premiere im Gymnase direkt umbesetzt wird.

Gleichzeitig bereiten auch die Aristos um die Marquise d‘Espard ihren Schlag vor: „Er ist schön, er ist jung, er hätte ihren [Louise de Bargetons] Haß in einem Strom von Liebe ertränken können, er wäre auf diesem Weg Graf Rubempré geworden, (…) Lucien hätte den hübschesten Vorleser bei Ludwig XVIII abgegeben“. Stattdessen lassen sie Lucien auflaufen, der Generalsekretär zerreißt persönlich die Verordnung, die den Dichter adeln sollte.
Aber es geht noch weiter. Denn sein Verrat an den Liberalen heißt ja noch lange nicht, dass die royalistischen Blätter ihm nun vertrauen würden. „Man erklärte Lucien mit dürren Worten, daß ein Konvertit keinen Willen hatte;“ Um seine Loyalität zu beweisen, soll er nun ausgerechnet über das Buch des engelgleichen Daniel d‘Arthez einen Verriss schreiben. Lucien löst es auf Lucien-Art: Er weigert sich nicht, sondern tut wie befohlen, vergießt dabei aber bittere Tränen. Auf der Straße wird er dafür zurecht von Michel Chrestien, einem der Getreuen um d‘Arthez, angespuckt. Es kommt zum Duell, bei dem Lucien schwer verletzt wird.

Zwei Monate liegt der Dichter nun flach, in denen sein und Coralies Haushalt gepfändet wird. Dadurch wird auch die Schauspielerin krank und stirbt. Um ihr Armenbegräbnis zu bezahlen, nimmt Lucien einen Auftrag an: „Wenn Sie mir morgen zehn gute Trinklieder oder sonst etwas Knuspriges schicken, können Sie auf zweihundert Franken rechnen, mein Wort.“
Und so kommt es, dass Balzac den blonden Jüngling am Totenbett seiner Geliebten lustige Trinklieder dichten lässt, diabolischer könnte er wirklich nicht mit ihm umspringen. Sie wird auf dem Père Lachaise beigesetzt, Lucien will sich anschließend erhängen. Doch Coralies Zofe überzeugt ihn stattdessen, in seine Heimat zurückzukehren. Sie geht sogar anschaffen, um ihm zwanzig Francs für die Reise mitgeben zu können. Das nennt man Hingabe.
So endet der Hauptteil Ein großer Mann aus der Provinz in Paris mit einem Knall. Morgen geht‘s weiter mit dem letzten Teil Eva und David.

Beste Stelle:

Wenn Daniel d‘Arthez seinen alten Freund Lucien tröstet, obwohl der ihn gerade ans Messer geliefert hat, dabei aber auch seinen Prinzipien treu bleibt: „Für mich ist periodische Reue nur eine große Scheinheiligkeit, (…) solche Reue ist nur eine Versicherungsprämie. Reue ist jungfräulich, wer zweimal bereut, ist ein böser Heuchler.“

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil XII

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