Verlorene Illusionen, Teil XI

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Mit Judith zu Besuch bei Stefan in Wien. Nachdem man um halb acht verkatert vom abendlichen Bier-Scotch-Gelage erwacht ist, dreht man eine Runde durch Hofburg, Stephansdom und Ringstraße. Beim Café Landmann wird man vom Kellner mit Milch eingesaut und dafür auch noch ausgeschimpft. Abstecher zum Naschmarkt, Käsekrainer am Würstelstand. 28 Grad, wieder nichts mit Frühling. Auf der Flucht vor der Hitze in Stefans Haus, dem ältesten des 6. Bezirks, eingekehrt und festgestellt, dass man nicht die einzige Geisteskranke ist, die Ölbilder nach Balzac-Figuren anfertigt. Hier zu sehen: Der diabolische Buchhändler-König Dauriat.

BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 500 – 550

Die Marquise d‘Espard schmiert Lucien nochmal ausführlich aufs Brot, wie blöd er war, sich als Journalist den Liberalen anzuschließen. Die blühende Zukunft, die er sich wünscht, wird er nur auf Seite der Regierung erreichen. Lucien glaubt alles unter Kontrolle zu haben, weil er so unverschämt gutaussehend ist, „er schrieb seiner Jugend die Macht eines Talismans zu“. Allerdings lässt er dabei die Durchtriebenheit seiner adligen Freunde außer acht: „Diese Frucht wird fallen, bevor sie reif ist“, feixt de Marsay hinter seinem Rücken.
Seine ehemals große Liebe Louise de Bargeton macht ihm derweil Vorwürfe, dass er sich von ihr abgewandt hat. Als echter Staatsmann müsste er sich ihr zuliebe von Coralie trennen, aber er will nicht mehr auf den jungen, knackigen Körper der Schauspielerin verzichten. Louise wird endgültig zu seiner Feindin.

Während die Mächtigen den Samen von Lucien Untergang säen, kultiviert er seine neu entdeckte Spielsucht. Nachdem der Winter vergangen ist, hat er alles verzockt, macht Schulden, und hat dabei keine Lust mehr zu arbeiten. Seine Zeitungskumpels tun ihr übriges, um ihn auf diesem Kurs zu halten: „Die Lebemänner bewiesen dem Kind, daß seine Schulden die goldenen Sporen waren, mit denen es die Pferde vor dem Wagen seines Glückes antrieb. Und dann immer Cäsar mit seinen vierzig Millionen Schulden und Friedrich der Große, dem sein Vater einen Dukaten im Monat gab, und immer die berühmten, die verderblichen Beispiele der großen Männer, die mit ihren Lastern und nicht in der Allmacht ihres Mutes und ihrer Entwürfe gezeigt wurden.“
Natürlich glaubt er unterdessen, mit seinem bevorstehenden Wechsel auf die Seite der Reaktion besonders clever zu handeln. Noch einmal wird er von Daniel d‘Arthez und dem Kreis der Aufrechten gewarnt, dass er sich damit selbst ins Knie schießen wird. Daraufhin Lucien, unverbesserlich: „Meine Freunde (…) ich bin nicht der Mann ohne Überlegung, der Dichter, den ihr in mir sehen wollt. Was auch eintreten mag, ich werde auf einen Gewinn zurückschauen können, den mir der Triumph der Liberalen nie verschafft!“
Woraufhin sich alle Liberalen zusammen schließen, um ihn nach Strich und Faden fertig zu machen. Der erste Tag vom Rest seines Lebens beginnt.

Beste Stellen:

Die Schrecken der Armut, die immer näher rücken, selbst beim Frühstück: „Darauf stiegen sie alle vier zu Fendant hinauf, wo das gewöhnlichste aller Frühstücke auf sie wartete, Austern, Beefsteak, Nieren in Champagner und Brie“.

Wie Louise de Bargeton dem naiven Lucien ein schlechtes Gewissen macht, immerhin war SIE ja diejenige, die IHN verraten hat.
Die Frauen der großen Gesellschaft haben ein wunderbares Talent, durch einen Scherz ihr Unrecht zu verringern. Sie verstehen die Kunst, mit einem Lächeln alles auszulöschen oder sich durch eine Frage überrascht zu stellen. Sie erinnern sich an nichts mehr, sie erklären alles, sie tun verwundert, sie beginnen zu fragen und zu erörtern, sie übertreiben, sie tun beleidigt, und am Schluß ist von ihrem Unrecht so viel geblieben wie nach der Wäsche von einem Flecken: man weiß genau, daß sie schwarz waren, aber über eins sind sie weiß und unschuldig geworden. Man selbst ist froh, daß man nicht noch obendrein als jemand dasteht, der ein unsühnbares Verbrechen begangen hat.“

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil XI

  1. Pingback: Verlorene Illusionen, Teil XII | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Verlorene Illusionen, Teil X | CLINT LUKAS

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