Verlorene Illusionen, Teil VII

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BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 297 – 344

Lucien ist immer noch knapp bei Kasse. Um ihm zu helfen, legen seine Künstlerfreunde zusammen, obwohl sie selbst arm wie die Kirchenmäuse sind, und leihen ihm 200 Franken. Er ist gerührt, pumpt sich das Geld aber sofort wieder von seiner Familie, um es der Clique zurückzahlen zu können. Für die Einfühlsamen ein Zeichen seiner brennenden Eitelkeit. „Bevor der Hahn dreimal gekräht hat (…) wird dieser Mensch die Sache der Arbeit für die des Müßiggangs und der Laster von Paris verraten haben…“
Soviel Zeit kriegt der Hahn freilich gar nicht, denn Lucien streckt längst die Fühler in Richtung Journalismus aus. Er will für eine Zeitung schreiben, um schneller an Ruhm und Geld zu kommen. Für die Warnungen seiner Freunde bleibt er taub: „Du würdest nie ein geistreiches Wort unterdrücken, auch wenn es einen Freund träfe. Wenn ich die Journalisten im Foyer des Theaters sehe, erfaßt mich Grauen. Der Journalismus ist eine Hölle, ein Abgrund, in dem alle Lügen, aller Verrat, alle Ungerechtigkeit lauert; niemand bleibt rein, der ihn durchschreitet, es sei denn, daß ihn wie Dante der göttliche Lorbeer Vergils schützt.“

Lucien will davon nichts hören. Bei der erstbesten Gelegenheit lässt er seinen Freund d’Arthez sitzen und biedert sich beim zynischen Kritiker Etienne Lousteau an. Die beiden gehen in den Jardin de Luxembourg, wo Lucien seine Sonette vorträgt. Das Urteil kommt schnell: „Mein Lieber (…) ich hielte es für gut, wenn Sie mit Ihrer Tinte die Stiefel da schwärzten, es spart die Wichse, und wenn Sie aus Ihren Federn Zahnstocher schnitten; (…) Sie haben das Zeug für drei Dichter, aber bis Sie durchgedrungen sind, haben Sie auch sechsmal die Zeit, Hungers zu sterben, wenn Sie darauf rechnen, von den Einkünften Ihrer Gedichte zu leben. Nach Ihren allzu jugendlichen Reden zu schließen, wollen Sie ja tatsächlich mit Ihrem Tintenfaß Münzen schlagen.“
Es folgt ein ebenso niederschmetternder, wie hellsichtiger Vortrag über den Literaturbetrieb, man merkt, dass Etienne auch mal Illusionen gehabt hat, vor langer Zeit. Im Grunde lebt er nur noch davon, dass er die Bücher und Theaterkarten verschachert, die ihm als Kritiker zur Verfügung gestellt werden. Mit mephistophelischem Charisma lockt er Lucien, ihm in die Niederungen des Betriebs zu folgen, und der schlägt ein, geblendet wie immer.

Beste Stellen:

Etienne Lousteaus lustige Analyse, die heute noch genauso aktuell ist, wie vor zweihundert Jahren: „Jedes Jahr kommt die gleiche, wenn nicht anschwellende Schar von glühenden jungen Menschen aus der Provinz nach Paris, wo sie aufrechten Hauptes und stolzen Herzens zur Eroberung der Mode ausziehn, (…) Alle stürzen in den Abgrund des Elends, in den Schlamm der Zeitungen, in den Sumpf der Verleger. Sie werden Bettler, die Geschenkartikel, Einfälle, Vermischtes für die Blätter liefern oder Bücher schreiben, die von zielbewußten Händlern in Holzpapier bestellt werden, von Leuten, die den Mist, der in vierzehn Tagen sich zusammenkratzen läßt, einem Meisterwerk vorziehen, das sich nur langsam verkauft.“

Luciens Verwunderung, als Etienne einige Bücher, die er rezensieren soll, ungelesen an den Händler Barbet verkauft: „,Ich bin neugierig, womit Sie Ihre Artikel schreiben wollen‘ sagte Lucien.
Barbet schaute Lucien mit der tiefsten Verwunderung an und warf Etienne einen spöttischen Blick zu: ,Man sieht, daß der Herr nicht das Unglück hat, vom Fach zu sein.’“

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil VII

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  2. Pingback: Verlorene Illusionen, Teil VIII | CLINT LUKAS

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