Verlorene Illusionen, Teil VI

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Peinlich berührt, weil man am Vortag die Nerven verloren und Schiss vor einem Atomkrieg geäußert hat. Dabei sollte die Kunst ein politikfreier Raum sein. Aber man ärgert sich über die Leute, denen dreißig Jahre lang jeder Krieg am Arsch ihres hohen Rosses vorbei ging. Und die nun nach Panzerhaubitzen für die Ukraine krähen. Wochenend-Pazifisten.
In solchen Situationen hilft eine Dosis vom guten, alten Bukowski. Dem die Anti-Vietnamkrieg-Clique in den Sixties auf den Senkel ging, weil er sich nicht öffentlich gegen den Krieg äußern wollte. Seine Begründung: Er war schon mit zwanzig gegen den Krieg gewesen, als alle anderen dafür waren. Es ging gegen Hitler, und man wurde auf der Straße angespuckt, wenn man nicht mitmachen wollte. Buk ließ sich anspucken, denn er wusste: Es gibt keinen guten Krieg.
Es gibt nur Krieg.
Das sollte man sich vergegenwärtigen, wenn man die Gegner von Waffenlieferungen als Couch-Pazifisten bezeichnet. Pazifismus war schon lange nicht mehr so unbequem wie jetzt. Wer hätte gedacht, dass die olle Käthe Kollwitz mit ihrem Ausspruch nochmal subversiv werden würde.
Zugegeben, das Ausblenden von Politik könnte besser gelingen. Aber da gestern schon die Kubakrise erwähnt wurde, hilft auch hier ein Blick in die Briefe Bukowskis. Er hat zwei geschrieben, während der dreizehn Tage, in denen der 3. Weltkrieg so unvermeidbar schien. Im ersten, vom 15. Oktober 1962, berichtet er von einem Fotoshooting, das er über sich ergehen lassen musste. Und nach dem er so durch den Wind war, dass er nicht mehr den Weg nach Hause fand. Während die Welt den Atem anhielt, kurvte Buk fluchend zwischen Pasadena und den Hollywood Hills herum. Seine einzige Sorge war, ob er zuhause noch Bier im Kühlschrank vorfinden würde.
Auch im zweiten Brief vom 17. Oktober kein Wort von Fidel, Kennedy oder der Bombe. Es geht um Pferderennen und John William Corrington. The old man plays it cool. So muss man das machen. Wenn das Feuer wie ein Barbecue vom Himmel regnet, sollte man mit Chuzpe mariniert sein.

BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 243 – 296

Statt sich mal zu fragen, warum er von seinen potentiellen Gönnerinnen geschnitten wird, macht Lucien, was er am besten kann: Er verpulvert das sauer verdiente Geld seiner Familie für Klamotten. Trotzdem wird er bei der Marquise d’Espard nicht mehr vorgelassen, es ist schließlich ausgerechnet sein Feind Châtelet, der ihm einen wertvollen Rat gibt: „Sie haben Talent, sehen Sie zu, daß Sie auf diesem Wege Vergeltung üben. Die Welt mißachtet Sie, mißachten Sie die Welt. Ziehen Sie sich in eine Dachkammer zurück, schreiben Sie dort ein Meisterwerk, schaffen Sie sich irgendeine Macht: und die Welt wird Ihnen zu Füßen liegen.“
Das erste Meisterwerk, dem Lucien sich daraufhin widmet, ist ein pathetischer Brief an Louise, in dem er ihr mitteilt, dass er nun mit ihr schmollt. Danach setzt er seine Schwester Eva davon in Kenntnis, dass er von den zweitausend Franken nur noch zweihundertvierzig übrig hat, damit man in der Heimat auch was von seinem Elend hat.

Fortan speist er nur noch bei Flicoteaux im Quartier Latin, einem günstigen Restaurant, das sich durch eine Küche auszeichnet, die man als regional und saisonal bezeichnen könnte: „Man erfährt da Dinge, von denen die Reichen, die Müßiggänger, die Naturunkundigen keine Ahnung haben. Der Student im lateinischen Viertel besitzt die gründlichsten Kenntnis in der Gartenkunde; er weiß, wann Bohnen und Erbsen gut ausfallen, wann Kraut und Salat sich auf den Wagen häufen oder die Gelbrübe versagt. Eine alte verleumderische Legende, die gerade wieder umging, als Lucien seinen Einzug hielt, schrieb das Auftreten der Beefsteaks einer vermehrten Sterblichkeit der Pferde zu.“
An seinem Stammtisch sitzt ein ärmlicher Mann namens Etienne Lousteau, von dem Lucien erfährt, dass er Redakteur bei einer kleinen Zeitung ist und Kritiken schreibt. Leider versäumt er die Gelegenheit, den Gleichgesinnten anzusprechen. Und sieht sich dann einem Problem gegenüber, mit dem bisher wenige Balzac-Figuren konfrontiert waren: „Als er eines Tages, von dem Tiefstand seiner Kasse erschreckt, seine Barschaft zählte, bedeckte sich seine Stirn mit Angstschweiß bei dem Gedanken, daß er einen Verleger ausfindig machen und sich nach bezahlter Arbeit umsehen mußte.“ Bezahlte Arbeit, ein Alptraum.

Um die zarten Dichterhände zu schonen, probiert er es freilich erstmal mit dem Verkauf seines Manuskripts, muss aber schnell feststellen, dass sich niemand darum reißt. Er gerät an den knausrigen Verleger Doguereau, der ihm zuerst tausend Franken geben will, dann aber nur 400 bietet, als er sieht, wie ärmlich Lucien lebt: „ich zahle bar. Sie verpflichten sich, mir sechs Jahre lang, jährlich zwei Romane zu schreiben. Wenn der erste in sechs Monaten abgesetzt wird, bezahle ich Ihnen für die nächsten Arbeiten sechshundert Franken. Auf diese Weise beziehn Sie, wenn Sie jährlich zwei Bücher schreiben, hundert Franken im Monat, Sie werden gesichert sein.“
Ein drastisches Angebot, dass man selbst gar nicht so schlecht findet. Aber man hat vermutlich schon mehr Illusionen als der kleine Lucien verloren, der einen hysterischen Anfall kriegt und sein Werk lieber verbrennen würde.

In der Bibliothek trifft er schließlich den Kollegen Daniel d’Arthez, ein demütig-stolzes Arbeitsviech, man kann annehmen, dass sich der Meister darin selbst porträtiert hat. Der ist so freundlich, einer siebenstündigen Vorlesung von Luciens Roman zu lauschen und ihm detaillierte Anmerkungen zu geben: „Zehn Jahre Arbeit, und Sie haben es zu Ruhm und Geld gebracht.“ D’Arthez ist der Anführer einer Gruppe von neun Intellektuellen, der neben anderen Schriftstellern auch Philosophen, Maler und der Arzt Bianchon angehören. Nach anfänglichem Zögern wird Lucien in diesen Kreis von Beatniks aufgenommen: „In der kalten Dachkammer wurden also die heißesten Träume geträumt und verwirklicht. Brüder, die sich alle auf den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft auszeichneten, gaben einander voll Offenheit Unterricht, verschwiegen nichts, nicht einmal ihre schlechten Gedanken, besaßen alle eine unermeßliche Bildung und waren alle durch das Fegefeuer des Elends gegangen.“
Man möchte meinen, dass Lucien es damit ganz gut getroffen hat. Konzentrierte Arbeit in einem Kreis treuer Freunde – was will man mehr?

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2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil VI

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