Verlorene Illusionen, Teil IV

Zum vorherigen Beitrag

BAND 31: Verlorene Illusionen, S. 151 – 199

Louise de Bargeton findet nicht, dass die Lesung in ihrem Salon ein Desaster war, sie schmiert ihrem Toyboy weiter Honig ums Maul: „wenn du dich gesehen hättest, deine Augen waren schön, sie sprühten Feuer. Ich sah an deinen Lippen die Goldketten, mit denen die Herzen an den Mund der Sänger geschmiedet werden.“
Auch wenn die Neider immer dreister werden und darüber tuscheln, dass Louise den kleinen Lucien längst verräumt hat, verbringen die beiden schöne, platonische Tage. Der Dichter hofft derweil auf den Tod seines Nebenbuhlers, Louises lustig-leeren Gatten: „Er sah einen Stern über seinem Haupt glänzen und erträumte sich ein frohes Leben auf dem Grab des Herrn de Bargeton, den von Zeit zu Zeit schwere Verdauungsstörungen heimsuchten, weil er des Glaubens war, die Magenbeschwerde nach dem Mittagessen sei eine Krankheit, die man am besten durch das Abendessen heile.“
Währenddessen verbrät er das wenige Geld von David und Eva, die sich auf ihre Hochzeit vorbereiten, und entschuldigt diese Dreistigkeit vor sich selbst mit seinem zukünftigen Ruhm. Immerhin hat er zwei fertige Bücher in der Tasche, einen Gedichtband mit dem Titel „Sonette“ und einen historischen Roman namens „Der Bogenschütze Karls IX.“ Mit solchen Burnern kann man sich natürlich erstmal zurücklehnen.

Leider hat Lucien seine Rechnung nicht mit dem Baron du Châtelet gemacht, der ja auch ein Auge auf Louise geworfen hat und nun seine Intrigen spinnt. Bald tuschelt die ganze Stadt über die vermeintliche Affäre zwischen dem Dichter und seiner Gönnerin. Es kommt zur ulkigen Situation, dass sie des Fehltrittes bezichtigt werden, ohne je die Genüsse eines solchen kosten zu können. Denn Louise will sich natürlich ritterlich umwerben lassen, bevor sie den kleinen Tunichtgut ranlässt. Der wird sauer und wählt die vielversprechende Strategie, sich ihr heulend zu Füßen zu werfen. Genau in dem Moment betritt der Hausfreund Stanislaus de Chandour das Zimmer und wird Zeuge der Szene. Er verbreitet es überall.

In dieser ausweglosen Situation bedient sich Louise ihres famosen, weltfremden Gatten, der ihr aufs Wort folgt. Sie schickt ihn zu Stanislaus, um ihn zum Duell zu fordern. „Herr de Bargeton machte sich keine Gedanken darüber, daß er am nächsten Tag einem andern Mann gegenübertreten und kalt in die Mündung einer Pistole sehen sollte; was ihm zu schaffen machte, war ein einziger Gedanke: ,Was werde ich sagen?‘ dachte er, ,Naïs hätte mir Anweisungen geben müssen.‘ Und er zerbrach sich den Kopf, um ein paar Sätze zu formen, die nicht lächerlich waren.“
Versteht sich von selbst, dass der schüchterne Tölpel auf sein Umfeld dann vollkommen souverän wirkt und den Kontrahenten niederschießt, „als ginge er spazieren“.

Louise muss daraufhin die Stadt in Richtung Paris verlassen und verlangt von Lucien, dass er sie begleitet. Seinen Einwand, dass er auf die Art nicht bei der Hochzeit seiner Schwester und David dabei sein kann, nimmt sie not amused auf. Lucien lässt sich also klein reden, leiert den Vermählten noch 2.000 Francs aus der Tasche, damit sie auch vollends dem Ruin ins Auge blicken, und macht sich auf den Weg. Die Aussichten sind heiter: „Die berühmten Männer der Hauptstadt gaben ihm den Ritterschlag, alles lächelte dort dem Genie. (…) Dort wuchsen die Meisterwerke der Dichter empor, dort wurden sie mit Gold bezahlt und ins Licht gerückt. Wenn er die ersten Seiten seines historischen Romans vorgelesen hatte, öffneten die Buchhändler ihre Geldschränke und fragten ihn: ,Wieviel wollen Sie?‘ Und im übrigen begriff er, daß Frau de Bargeton nach einer Reise, die sie ungezwungen in seinem Arme führen mußte, ihm ganz gehören würde, daß sie fortan zusammen leben sollten.“
Naja, mal sehen…

Beste Stelle:

Balzacs Metapher für die Menschen, die sich vor der Gesellschaft keinen Fehltritt erlauben dürfen: „sie sind verpflichtet, alles ohne Tadel zu tun, nie in die Irre zu gehen, nie zu straucheln, nie sich auch nur eine Torheit entschlüpfen lassen – sie gleichen den bewunderten Statuen, die von ihrem Gestell gezogen werden, sobald ihnen im Winter ein Finger gebrochen oder die Nase gesprungen ist; man erlaubt ihnen nichts Menschliches, sie sind gehalten, immer vollkommen wie die Götter zu sein.“

Weiterlesen

2 Gedanken zu “Verlorene Illusionen, Teil IV

  1. Pingback: Verlorene Illusionen, Teil III | CLINT LUKAS

  2. Pingback: Verlorene Illusionen, Teil V | CLINT LUKAS

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..